{"id":897,"date":"2020-03-20T10:41:20","date_gmt":"2020-03-20T09:41:20","guid":{"rendered":"http:\/\/idas.noblogs.org\/?p=897"},"modified":"2020-12-08T18:43:21","modified_gmt":"2020-12-08T17:43:21","slug":"burgfrieden-oder-fluegel-kampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=897","title":{"rendered":"Burgfrieden oder \u201eFl\u00fcgel\u201c-Kampf?"},"content":{"rendered":"<p>Seit der Einstufung des Fl\u00fcgels als Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes vor einer Woche hat sich in der AfD ein neuer Machtkampf zusammengebraut. Einzelne Ausschl\u00fcsse und sogar die Aufl\u00f6sung der verfassungsfeindlichen Parteistr\u00f6mung werden gefordert. Heute ber\u00e4t der Parteivorstand, er steht vor harten Entscheidungen. <!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"color: #1e73be\">\u2193<\/span><\/p>\n<p>Zur AfD sagte Thomas Haldenwang, Pr\u00e4sident des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV), ausdr\u00fccklich nichts bei einer Pressekonferenz vor einer Woche. Thema war der k\u00fcnftige Umgang der Beh\u00f6rden mit dem v\u00f6lkisch-nationalistischen Fl\u00fcgel. <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=691\">Nach langer Pr\u00fcfung<\/a> wurde das innerparteiliche Netzwerk um Bj\u00f6rn H\u00f6cke <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=764\">als verfassungsfeindlich eingestuft<\/a>. Es ist ab sofort ein sogenanntes Beobachtungsobjekt, die ma\u00dfgeblichen Protagonist*innen gelten jetzt amtlich als &#8222;Rechtsextremisten&#8220;.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Bundesspitze ist uneins<\/span><\/h3>\n<p>Die Partei als Ganzes ist nach wie vor ein Pr\u00fcffall, noch unterhalb der Schwelle, die eine Ausforschung mit nachrichtendienstlichen Mitteln erlaubt. Aber das ist nur eine vorl\u00e4ufige Bewertung. Dem Vernehmen nach will das BfV eine z\u00fcgige Entscheidung in Bezug auf die AfD treffen, noch bevor das Bundestagswahljahr 2021 anbricht. Nach jetzigem Stand wird alles davon abh\u00e4ngen, wie die Partei k\u00fcnftig mit ihrem Fl\u00fcgel umgeht: \u00c4ndert sich nichts, dann droht ihr, auf eine Stufe gestellt zu werden mit der NPD und einer Reihe weiterer extrem rechter Organisationen. Sie haben gemeinsam, parlamentarisch gescheitert zu sein. Der Abstieg der Republikaner hatte einst mit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz begonnen.<\/p>\n<p>Die Lage ist ernst, doch in der vergangenen Woche reagierte die Parteispitze zun\u00e4chst einmal nicht. Eine gemeinsame Positionierung des AfD-Bundesvorstandes blieb \u00fcberraschend aus, sondern wurde vertagt auf eine weitere Beratung, die heute in Berlin stattfindet. Bislang war man sich schlicht nicht einig, was man zum Vorgehen des Verfassungsschutzes mitteilen m\u00f6chte: Ist in einer \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung \u00fcberhaupt etwas zu gewinnen? Soll man den Fl\u00fcgel in Schutz nehmen und damit den gef\u00e4hrlichen Eindruck vertiefen, dass er die Partei pr\u00e4gt? Oder soll man auf Abstand gehen und damit &#8222;spalten&#8220;, ein Vorwurf, den der Fl\u00fcgel allzu oft erhebt?<\/p>\n<p>Nach der BfV-Entscheidung ist lediglich ein Statement des Bundestagsabgeordneten Roland Hartwig erschienen. Er leitet eine innerparteiliche Arbeitsgruppe, die das Ziel hat, eine Beobachtung der AfD abzuwenden. In der Erkl\u00e4rung wird zur Sache selbst, zum Fl\u00fcgel, nichts gesagt. Nur der Verfassungsschutz wird gescholten, der politisch instrumentalisiert werde, um der Partei zu schaden. Den Text haben die Vorsitzenden der Bundestagsfraktion unterzeichnet, Alice Weidel und Alexander Gauland. Auch Tino Chrupalla, einer der beiden Bundesvorsitzenden, hat sich angeschlossen. Der Name des Co-Sprechers J\u00f6rg Meuthen fehlt jedoch.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Der Burgfrieden mit dem Fl\u00fcgel l\u00e4uft aus<\/span><\/h3>\n<p>Es gibt nicht nur Uneinigkeit, sondern &#8222;Unruhe in der AfD&#8220;, so sieht es die parteinahe Wochenzeitung Junge Freiheit. Der Handlungsdruck ist gestiegen, zwei Auswege gibt es nur: Entweder der Fl\u00fcgel selbst m\u00e4\u00dfigt sich. Anzeichen daf\u00fcr sind nicht zu sehen, der Tenor bisher war, dass man nichts zur\u00fcckzunehmen habe, gern beruft man sich auf &#8222;Meinungsfreiheit&#8220;. Oder aber die Partei z\u00e4hmt den Fl\u00fcgel. Das scheint ausweglos, fr\u00fchere Versuche, H\u00f6cke zu disziplinieren, liefen ins Leere. So verlegte man sich bisher darauf, die Bedeutung des Fl\u00fcgels herunterzuspielen. Er sei keine offizielle Parteistr\u00f6mung, hei\u00dft es, und mitunter wird sogar bestritten, dass es sich um so etwas wie eine Organisation handelt. Nach dieser Logik ist da nichts, was man zur\u00fcckdr\u00e4ngen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Hinzu kommen die objektiven Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. Der Fl\u00fcgel ist die einflussreichste Str\u00f6mung innerhalb der AfD, er ist eine &#8222;Partei in der Partei&#8220; geworden, straffer organisiert als das gro\u00dfe Ganze \u2013 dahin gehen auch die bisher gewonnenen Verfassungsschutz-Erkenntnisse. In den drei st\u00e4rksten Landesverb\u00e4nden Th\u00fcringen, Brandenburg und Sachsen dominiert der Fl\u00fcgel eindeutig, und das ist vielleicht sein gr\u00f6\u00dfter Pfand: Wo er das Sagen hat, ist die AfD am erfolgreichsten. Den Fl\u00fcgel zur\u00fcckzudr\u00e4ngen hie\u00dfe demnach, die Partei zu destabilisieren, sie vielleicht sogar zu teilen. Deshalb herrscht seit l\u00e4ngerem ein Burgfrieden.<\/p>\n<p>Aber der ist nicht mehr zu halten. Die Partei muss z\u00fcgig reagieren, denn es drohen schon die n\u00e4chsten Schl\u00e4ge. Der gesamte th\u00fcringische Landesverband, den H\u00f6cke anf\u00fchrt, wurde bereits zum Verdachtsfall hochgestuft. Nach Recherchen der Taz ist das auch in Brandenburg unter Andreas Kalbitz wahrscheinlich. Ebenso in Sachsen. Der hiesige Landesvorsitzende J\u00f6rg Urban ist auf der Facebook-Seite des Fl\u00fcgels zu sehen, an der Seite von H\u00f6cke und Kalbitz. Hinzu kommt die Sorge, <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=298\">dass Beamt*innen sich von der AfD abwenden<\/a>. Zumindest denen, die beim Fl\u00fcgel mitmachen, drohen Disziplinarverfahren. F\u00fcr Leute wie H\u00f6cke, der Lehrer in Hessen ist, oder auch f\u00fcr den Bundestagsabgeordneten Jens Maier, Richter am Landgericht Dresden, geht es um die Reputation, um die berufliche Zukunft, und nicht zuletzt auch um bereits erworbene Pensionsanspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Aus einigen Bundesl\u00e4ndern gibt es Ank\u00fcndigungen, einschl\u00e4gige Personalien gr\u00fcndlich zu begutachten, selbst in Sachsen ist das so. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken sagte vor einigen Tagen dem Handelsblatt, man m\u00fcsse daf\u00fcr sorgen, dass Fl\u00fcgel-Leute \u201ein diesem Land keine Kinder unterrichten, keine Straft\u00e4ter ermitteln, nicht f\u00fcr unsere Sicherheit sorgen und nicht in Verwaltungen oder Gerichten \u00fcber das Schicksal von Menschen entscheiden\u201c.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">H\u00f6cke will Gegner*innen \u201eausschwitzen\u201c<\/span><\/h3>\n<p>Lieber w\u00e4re die AfD jetzt zur Tagesordnung \u00fcbergegangen. Doch mit dem Versuch, die Corona-Pandemie politisch zu verwerten, ist sie <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=859\">vorl\u00e4ufig gescheitert<\/a>. Dass jetzt stattdessen eine verbissene Diskussion \u00fcber den Umgang mit dem Fl\u00fcgel in Gang kommt, liegt daran, dass neue Hebel aufgetaucht sind, die geeignet scheinen, gegen die \u201eF\u00fchrer des Fl\u00fcgels\u201c einzuschreiten \u2013 so nennt das BfV Bj\u00f6rn H\u00f6cke und Andreas Kalbitz.<\/p>\n<p>Denn zu einer Unzeit, nur zwei Tage nach der Verfassungsschutz-Entscheidung, tauchte ein kurzer Videoclip auf. Er zeigt H\u00f6cke bei einem internen Fl\u00fcgel-Treffen in Schnellroda am 6. M\u00e4rz. \u00dcber innerparteiliche Gegner*innen sagte er dort, dass man &#8222;die, die nicht in der Lage sind, das Wichtigste zu leben, was wir zu leisten haben, n\u00e4mlich die Einheit, dass die allm\u00e4hlich auch mal ausgeschwitz werden sollten.&#8220; Das Publikum reagierte mit Johlen, lautem Applaus und anhaltenden &#8222;H\u00f6cke, H\u00f6cke&#8220;-Rufen. Es ist eine offene Drohung, ausgesprochen mithilfe eines Sprachspiels, das an das nationalsozialistische Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erinnert, wo mehr als eine Million Menschen ermordet worden sind.<\/p>\n<p>Das Auschwitz-Museum nannte die Rede &#8222;eine Schande, ehrenlos, unmoralisch und unmenschlich \u2013 ebenso wie das Gel\u00e4chter und der Applaus&#8220;. H\u00f6cke selbst wies die Kritik zur\u00fcck. Einen Auschwitz-Bezug gebe es nicht, er spricht von einer &#8222;b\u00f6sartigen Auslegung von Textpassagen&#8220;. Wer H\u00f6cke-Reden kennt, wei\u00df aber, dass sie sorgsam komponiert sind, dass H\u00f6cke kaum etwas dem Zufall \u00fcberl\u00e4sst und er genau wei\u00df, was er sagt und wie er es sagt.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">HDJ-Mitgliedsnummer 01330<\/span><\/h3>\n<p>Noch st\u00e4rker ist Andreas Kalbitz unter Druck geraten, der AfD-Landes- und Fraktionschef in Brandenburg, H\u00f6ckes Mann im Bundesvorstand. \u00dcber ihn sagt das BfV, dass er &#8222;\u00fcber Jahrzehnte&#8220; in der rechten Szene verwurzelt sei und dass er dar\u00fcber \u201eevident unrichtige Aussagen\u201c macht. Es geht um Kalbitz&#8216; Bezug zur Heimattreuen deutschen Jugend (HDJ), eine Neonazigruppe, die sich im Stil der Hitlerjugend uniformiert hat und die 2009 verboten worden ist. In dem Verbotsbescheid, der <i>idas<\/i> vorliegt, wurde der HDJ eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus vorgeworfen. &#8222;Eigentliche Zielsetzung des Vereins ist die Heranbildung einer neonazistischen Elite&#8220;, hei\u00dft es. &#8222;Dies erfolgt in Form einer ideologischen Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche durch Verbreitung v\u00f6lkischer, rassistischer, nationalistischer und nationalsozialistischer Ansichten im Rahmen vorgeblich unpolitischer Freizeitangebote.&#8220;<\/p>\n<p>Bisher war bekannt, dass Kalbitz bei einem dieser &#8222;Freizeitangebote&#8220; dabei war, Fotos beweisen das. Im Jahr 2007 hatte er das j\u00e4hrliche HDJ-Pfingstlager besucht. Nach seinen Aussagen handelte es sich um eine &#8222;Stippvisite&#8220;, bei der er sich als Gast &#8222;informieren&#8220; wollte. Doch nach Erkenntnissen des BfV k\u00f6nnte Kalbitz sogar Mitglied der Gruppe gewesen sein, die Rede ist von einem &#8222;vollumf\u00e4nglichen Engagement&#8220;. In einem geheimen Gutachten, auf das der Verfassungsschutz die Fl\u00fcgel-Einstufung st\u00fctzt, hei\u00dft es dazu: &#8222;Dem BfV liegen allerdings Erkenntnisse in Form einer Mitgliederliste der HdJ Stand 2007 vor, in der unter der Mitgliedsnummer 01330 die \u201aFamilie Andreas Kalbitz\u2018 genannt wird. Die nachweislich langj\u00e4hrige Dauer der Teilnahme an Aktivit\u00e4ten der HdJ und deren Vorg\u00e4ngerorganisation im Erwachsenenalter spricht f\u00fcr eine tiefe Verwurzelung und f\u00fcr eine langj\u00e4hrige politische Sozialisation durch eine neo-nationalsozialistische Organisation.&#8220;<\/p>\n<p>Innerhalb der AfD hatte Kalbitz eine etwaige Mitgliedschaft stets bestritten. Sie war bisher auch nur eine Hypothese gewesen. Das BfV spricht nun aber von Erkenntnissen, von einer Mitgliederliste, und das ist in der Tat eine Neuigkeit. Denn mehrere NSU-Untersuchungsaussch\u00fcsse hatten zwar umfangreiche Unterlagen zur HDJ erhalten. Aber darunter war keine Mitgliederliste und auch sonst nichts, das den Namen Kalbitz enth\u00e4lt. So erinnern sich mehrere Abgeordnete, die mit dem Thema befasst waren, auf <i>idas<\/i>-Anfrage.<\/p>\n<p>\u00dcber die Mitgliederliste, die im Original bisher nur dem BfV vorliegt, hatte der Spiegel zuerst berichtet. Auf Anfrage des Magazins sagte Kalbitz: &#8222;\u00dcber die beschriebene Mitgliederliste ist mir nichts bekannt.&#8220; Er wisse auch nicht, nach welchen Kriterien eine solche Liste wom\u00f6glich zusammengestellt wurde. Ein klares Dementi, mitgemacht zu haben, sieht anders aus. Der Jungen Freiheit sagte Kalbitz inzwischen, entsprechende Berichte seien \u201eschlicht falsch\u201c.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Kalbitz k\u00f6nnte aus der Partei fliegen <\/span><\/h3>\n<p>Falls sie nicht falsch sind, h\u00e4tte Kalbitz ein Problem. Denn in der AfD gilt ein Unvereinbarkeitsbeschluss, den der Bundesvorstand schon vor mehreren Jahren gefasst hat. Wer in einer Organisation wie der HDJ war, kann der Partei nicht angeh\u00f6ren. Wenn sich die BfV-Angaben beweisen lassen, k\u00f6nnte Kalbitz&#8216; AfD-Mitgliedschaft annuliert werden, mit einfacher Mehrheit des Bundesvorstands und ganz ohne zeitraubendes Ausschlussverfahren, das nach allen Erfahrungen aus der Vergangenheit kaum Aussicht auf Erfolg h\u00e4tte. Gegen H\u00f6cke hat es solche fruchtlosen Versuche bereits gegeben.<\/p>\n<p>Kalbitz ist nicht der Einzige mit einer HDJ-Vergangenheit, der in der AfD untergekommen ist. Der ehemaligen HDJ-Funktion\u00e4r Felix Nothdurft, der inzwischen den Nachnamen seiner Ehefrau angenommen hat und Willer hei\u00dft, tauchte 2015 als Referent in der brandenburgischen AfD-Fraktion auf, in Kalbitz\u2018 N\u00e4he. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde er Mitarbeiter im Bundestagsb\u00fcro von Alexander Gauland, der die \u201eErfurter Resolution\u201c und damit das Gr\u00fcndungsdokument des Fl\u00fcgels unterzeichnet hat. Willers Bruder Laurens Nothdurft, der sogar einer der HDJ-&#8222;Bundesf\u00fchrer&#8220; war, kam derweil als Berater bei der AfD-Fraktion in Baden-W\u00fcrttemberg unter. Ein anderer ehemaliger HDJ-Mann, Patrick Harr, war pers\u00f6nlicher Referent von <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=85\">Andr\u00e9 Poggenburg<\/a> im sachsen-anhaltischen Landtag.<\/p>\n<p>Allerdings ist niemand von ihnen so bedeutsam wie Kalbitz. Er ver\u00f6ffentlichte inzwischen zu den Diskussionen um seine Person einen Text, der halb Rechtfertigung, halb Aufruf ist, das Thema zu beschlie\u00dfen und zu &#8222;Einigkeit und Geschlossenheit&#8220; zur\u00fcckzufinden. Doch daf\u00fcr ist es schon zu sp\u00e4t.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Warnung vor \u201epolitischen Abenteuern\u201c <\/span><\/h3>\n<p>Denn gleich aus mehreren Partei-Richtungen wird der Fl\u00fcgel nun attackiert, offen wie lange nicht. Den Aufschlag machte <strong>Georg Pazderski<\/strong> aus Berlin, der bis vor wenigen Monaten noch Mitglied im Bundesvorstand war, zuletzt als stellvertretender Parteichef. Bevor er aus dem Leitungsgremium ausschied, hatte er Mitte 2019 den &#8222;Appell der 100&#8220; unterzeichnet, mit dem vor H\u00f6ckes Einfluss gewarnt wurde. Anfang M\u00e4rz legte Pazderski eine siebenseitige Analyse zur aktuellen Lage der Partei (&#8222;Erfurt, Hamburg und die Folgen f\u00fcr die AfD&#8220;) vor, in der er H\u00f6cke abermals attackiert.<\/p>\n<p>Wolle die AfD nicht ewig in der Opposition sein, so &#8222;f\u00fchrt kein Weg daran vorbei: Wenn die AfD in nicht allzu ferner Zukunft Regierungsverantwortung \u00fcbernehmen und breitere Unterst\u00fctzung in b\u00fcrgerlichen Kreisen finden will, dann muss sie sich noch klarer als bisher vom rechten Rand distanzieren.&#8220; Insbesondere der Fl\u00fcgel sei aufgerufen, eine deutliche Abgrenzung vorzunehmen, denn &#8222;politische Abenteuer bringen die AfD nicht weiter, sondern werfen sie zur\u00fcck. Sie schw\u00e4chen die Glaubw\u00fcrdigkeit der AfD gerade in b\u00fcrgerlichen Kreisen und liefern den Gegnern der AfD billige Argumente\u201c, so Pazderski.<\/p>\n<p>Inzwischen hat er nachgelegt, auf Medienanfragen erkl\u00e4rte er: &#8222;Ich bin mit der gro\u00dfen Mehrheit der AfD-Mitglieder der \u00dcberzeugung, dass der &#8218;Fl\u00fcgel&#8216; sein politisches Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem l\u00f6sen und jetzt im Sinne und zum Wohle der Gesamtpartei handeln muss.&#8220; Da das jedoch nicht geschehe, sei nun &#8222;der Bundesvorstand in der Pflicht, zu handeln und die Partei vor weiterem Schaden zu bewahren.&#8220;<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\"> \u201ePartei ist ernsthaft in Gefahr\u201c <\/span><\/h3>\n<p>Aus dem Bundesvorstand meldete sich <strong>Alexander Wolf<\/strong> zu Wort, der in der B\u00fcrgerschaft in Hamburg sitzt. Vor einem knappen Monat wurde dort gew\u00e4hlt, die AfD kam gerade so \u00fcber die F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde. Das bescheidene Ergebnis habe man \u201ewegen des Narrensaums, wegen der Krakeeler\u201c eingefahren, meinte Wolf hinterher und forderte \u201erote Linien nach Rechtsau\u00dfen\u201c ein. Inzwischen hat er das bekr\u00e4ftigt, nennt H\u00f6cke nun einen &#8222;K\u00f6nig der Eigentore&#8220;, dessen \u00c4u\u00dferungen der Partei schaden und sie besonders in den Alten Bundesl\u00e4ndern f\u00fcr viele unw\u00e4hlbar mache. &#8222;Das Projekt der Partei ist ernsthaft in Gefahr&#8220;, sagt Wolf und fordert, dass der Fl\u00fcgel seine Strukturen offenlegt \u2013 oder &#8222;zum Wohle der Partei&#8220; aufgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Es gibt weitere mahnende Stimmen. In den vergangenen Tagen wandte sich <strong>Uwe Junge<\/strong>, AfD-Fraktionschef im Landtag von Rheinland-Pfalz, mit einem Schreiben an Parteifreund*innen. Viele in der AfD seien bereit, &#8222;die Partei zu verlassen, wenn jetzt nicht entschlossen reagiert wird&#8220;, hei\u00dft es darin. Er erwarte \u201eeine harte Ordnungsma\u00dfnahme gegen H\u00f6cke und die L\u00f6schung der Mitgliedschaft von Kalbitz\u201c. Bei Facebook sprach er von einem &#8222;Narrensaum&#8220; und mahnte, dass die Partei &#8222;nach sieben harten Jahren an der Uneinsichtigkeit der Radikalen zu scheitern&#8220; drohe. Dem Bundesvorstand teilte er mit, seinen eigenen Verbleib in der AfD davon abh\u00e4ngig zu machen, wie heute entschieden wird. Junge selbst hat durch den Fl\u00fcgel an Einfluss in der Partei verloren. Ende 2019 wollte er in den Bundesvorstand einziehen, fiel aber durch.<\/p>\n<p>Scharfe Worte kommen auch aus Nordrhein-Westfalen, wo die AfD ihren mitgliederreichsten Landesverband hat. Der Landtagsabgeordnete <strong>Roger Beckamp<\/strong> warf H\u00f6cke vor, er sorge parteiintern f\u00fcr immer mehr &#8222;Missmut&#8220; und liefere der Presse und den Beh\u00f6rden neues Material, das der Partei schade. Diese Ansicht hat sich inzwischen der gesamte NRW-Landesvorstand zueigen gemacht. Es m\u00fcsse &#8222;wieder Ruhe in unsere Partei einkehren&#8220; um eine &#8222;bereits begonnene Austrittswelle zu stoppen&#8220;, schrieb Landeschef <strong>R\u00fcdiger Lucassen<\/strong> am Mittwoch an die beiden Bundesvorsitzenden J\u00f6rg Meuthen und Tino Chrupalla. Lucassen fordert, s\u00e4mtliche Auftritte von AfD-Mitgliedern unter der Bezeichnung &#8222;Fl\u00fcgel&#8220; zu verbieten. In einem weiteren Schreiben an die Mitglieder warnte Lucassen vor einer &#8222;Verselbst\u00e4ndigung&#8220; des Fl\u00fcgels, die sich als eine Zerrei\u00dfprobe f\u00fcr die gesamte Partei auswirke.<\/p>\n<p>Darum m\u00fcsse ein klarer Schnitt her: \u201eDer \u201aFl\u00fcgel\u2018 ist in seiner Art der Organisation und der Gestaltung von Prozessen nicht in unsere Partei integrierbar. Diktion und Duktus von bekannten Protagonisten des \u201aFl\u00fcgel\u2018 machen erfolgsversprechende Wahlergebnisse in unserem Bundesland zunichte.&#8220; Die deutlichen Worte kommen \u00fcberraschend. Lucassen hat vor nicht langer Zeit noch H\u00f6ckes Landtagswahlkampf in Th\u00fcringen unterst\u00fctzt. Geplant war au\u00dferdem, den kommenden Kommunalwahlkampf in H\u00f6xter gemeinsam mit H\u00f6cke zu er\u00f6ffnen. Nun nutzt er teils die gleichen, scharfen Formulierungen wie Junge.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Der Fl\u00fcgel ber\u00e4t sich am Sonnabend<\/span><\/h3>\n<p>Auch <strong>J\u00f6rg Nobis<\/strong>, der Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein, fordert vom Bundesvorstand eine deutliche Reaktion auf H\u00f6ckes &#8222;Ausschwitzen&#8220;-Rede ein. Der Bundestagsabgeordnete <strong>J\u00fcrgen Braun<\/strong>, der zeitweise Parlamentarischer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Bundestagsfraktion war, dr\u00e4ngt ebenfalls auf weitergehende Schritte: &#8222;Der Bundesvorstand muss jetzt handeln, die Zeit des Aussitzens ist vorbei&#8220;, sagte er dem Spiegel.<\/p>\n<p>Nach Angaben des Magazins hat sich inzwischen eine Gruppe von knapp 20 AfD-Leuten zusammengeschlossen, die nach mehreren Treffen den Druck erh\u00f6hen will und in erster Linie auf den Rauswurf Kalbitz&#8216; dr\u00e4ngt. Sie hoffen vor allem darauf, dass Bundessprecher J\u00f6rg Meuthen, der sich dazu bislang nicht eingelassen hat, ein Machtwort spricht. Co-Sprecher Chrupalla, so hei\u00dft es, k\u00f6nnte immerhin bereit sein, Fl\u00fcgel-Veranstaltungen bis auf Weiteres zu untersagen.<\/p>\n<p>Vom Fl\u00fcgel gibt es auf all diese Entwicklungen bisher keine Reaktion. Die Gruppe will sich nach Recherchen von NDR, WDR und S\u00fcddeutscher Zeitung an diesem Sonnabend an einem geheimen Ort versammeln. Dann soll beraten werden, wie man mit einer Entscheidung des Bundesvorstandes umgehen will, die bis dahin vorliegen k\u00f6nnte. Eine Aufl\u00f6sung wird allerdings nicht in Betracht gezogen, die eigene Machtbasis h\u00e4lt man f\u00fcr gefestigt. Die Kritik am Fl\u00fcgel, so viel ist zu erkennen, kommt bislang ausschlie\u00dflich aus den westdeutschen Verb\u00e4nden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Einstufung des Fl\u00fcgels als Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes vor einer Woche hat sich in der AfD ein neuer Machtkampf zusammengebraut. Einzelne Ausschl\u00fcsse und sogar die Aufl\u00f6sung der verfassungsfeindlichen Parteistr\u00f6mung werden gefordert. 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