{"id":662,"date":"2020-03-03T12:08:21","date_gmt":"2020-03-03T11:08:21","guid":{"rendered":"http:\/\/idas.noblogs.org\/?p=662"},"modified":"2020-03-03T12:08:21","modified_gmt":"2020-03-03T11:08:21","slug":"alternative-fuer-doppelmoral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=662","title":{"rendered":"Alternative f\u00fcr Doppelmoral"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Landtagsmitglieder sollen mehr Geld f\u00fcr sich und f\u00fcr ihre Mitarbeiter*innen erhalten. Die AfD kritisiert das: Angeblich w\u00fcrden so Versorgungsposten f\u00fcr gescheiterte Abgeordnete und f\u00fcr Personal ohne &#8222;richtigen&#8220; Beruf geschaffen. Solche F\u00e4lle gibt es wirklich \u2013 und zwar in den Reihen der AfD.<!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"color: #1e73be\">\u2193<\/span><\/p>\n<p>Die Di\u00e4ten im S\u00e4chsischen Landtag werden steigen. Das ist eine eher unspektakul\u00e4re Nachricht, weil das jedes Jahr passiert und jedes Mal kritisiert wird. Daf\u00fcr finden sich auch gute Gr\u00fcnde: Die Erh\u00f6hungen sind Privileg und Automatismus zugleich, zumal sich die Abgeordneten ihre Bez\u00fcge selbst genehmigen. Nach den neuen Pl\u00e4nen der Jamaika-Koalition soll 2020 nicht nur die sogenannte Grundentsch\u00e4digung angehoben werden, die alle Abgeordneten erhalten und die als steuerpflichtiges Einkommen gilt. Sondern auch das Budget f\u00fcr die pers\u00f6nlichen Mitarbeiter*innen wird aufgestockt. Bislang reicht es zur Ausfinanzierung von anderthalb Stellen pro Landtagsmitglied, k\u00fcnftig sollen es zweieinhalb sein.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">&#8222;Krei\u00dfsaal, H\u00f6rsaal, Plenarsaal&#8220;<\/span><\/h3>\n<p>Die Details waren noch nicht bekannt, da meldete sich am vergangenen Mittwoch bereits die s\u00e4chsische AfD-Fraktion mit einer Pressemitteilung zu Wort, um die &#8222;Selbstbedienungsmentalit\u00e4t&#8220; der &#8222;Altparteien&#8220; zu schelten: CDU und SPD, die bei der Landtagswahl Stimmen einb\u00fc\u00dften und Mandate verloren, w\u00fcrden nun &#8222;um jeden Preis ihre Wahlverlierer auf Kosten des Steuerzahlers durchf\u00fcttern&#8220; wollen, hei\u00dft es im Namen des Fraktionsvorsitzenden J\u00f6rg Urban. Er behauptet: Die Personalbudgets hebe man nur an, um die &#8222;Verlierer&#8220;, die &#8222;auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance&#8220; h\u00e4tten, nun &#8222;an anderer Stelle unterbringen&#8220; zu k\u00f6nnen. Die Kritik war wohlfeil genug, um die AfD mit ihren Unterstellungen gleich in mehreren s\u00e4chsischen Medien zu zitieren.<\/p>\n<p>Weil das Thema zieht, wurde die kurze Pressemitteilung inzwischen noch etwas aufgebl\u00e4ht und erschien am Wochenende als &#8222;Sonntagskolumne&#8220; von J\u00f6rg Urban, die eine <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=32\">ber\u00fcchtigte Fake-News-Fundgrube<\/a> ist. Wer nicht mehr gew\u00e4hlt wird, m\u00fcsse in seinen alten Beruf zur\u00fcckkehren, hei\u00dft es dort, sonst werde die Demokratie ausgehebelt. Aber das Personal der &#8222;Altparteien&#8220; habe oft keinen &#8222;richtigen&#8220; Beruf erlernt und eigentlich nie etwas anderes gemacht als Berufspolitik. Die &#8222;Parteisoldaten&#8220; lebten nach dem Motto &#8222;Krei\u00dfsaal, H\u00f6rsaal, Plenarsaal&#8220;. Sie w\u00fcrden den Staat angeblich als gro\u00dfen &#8222;Selbstbedienungsladen&#8220; missbrauchen. Bestes Beispiel \u2013 das mit dem Thema allerdings wenig zu tun hat \u2013 sei der Ministerpr\u00e4sident, dessen Lebenspartnerin in einem Ministerium auf &#8222;einer extra f\u00fcr sie neu geschaffenen Stelle&#8220; arbeite.<\/p>\n<p>Ganz anders sei das, selbstverst\u00e4ndlich, bei der AfD: &#8222;In unserer Fraktion finden Sie eine Vielzahl an Handwerkern, Polizisten, Ingenieuren und Selbst\u00e4ndigen&#8220;, die auf ihr Mandat nicht angewiesen sind. Die keine Versorgungsposten brauchen. Die nicht nehmen, sondern geben wollen. Und die jederzeit in ihren alten Job zur\u00fcckfinden k\u00f6nnen. So weit die Behauptung.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">In Finanzfragen intransparent<\/span><\/h3>\n<p>Es steht auf einem anderen Blatt, ob die AfD angesichts ihrer Spendenskandale oder ihrer <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MEetKJF8wJ0\">fraglichen Haushaltskompetenz<\/a> berufen ist, etwas zu Finanzfragen zu sagen. Das ist ihr unbenommen \u2013 wie es unausweichlich ist, dass sie von der kommenden Di\u00e4tenerh\u00f6hung als zweitst\u00e4rkste Fraktion auch am zweitmeisten profitieren wird. Zwar d\u00fcrfen die Fraktion und deren Abgeordnete nicht die Partei querfinanzieren, aber durch obligatorische &#8222;Mandatstr\u00e4gerabgaben&#8220; landet ein Teil des Geldes genau dort. Und dort, unter den Mitgliedern, \u00f6ffnet sich auch der Personalpool, aus dem die AfD-Abgeordneten ihre Mitarbeiter*innen abfischen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer genau das bisher ist und k\u00fcnftig sein wird, ist kaum nachzuvollziehen. Zwar machen etliche Abgeordnete weit \u00fcber das gesetzliche vorgeschriebene Ma\u00df hinaus transparent, was sie einnehmen, was sie ausgeben, wer f\u00fcr sie t\u00e4tig ist. Aber bei der AfD ist das durchweg nicht der Fall, keine ihrer s\u00e4chsischen Landtagsabgeordneten gibt so etwas preis. Ganz gewiss agiert Urbans Fraktion jedoch in vielen Punkten genau in der Weise, die er allen anderen vorwirft.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">AfD-Jobs f\u00fcr &#8222;Wahlverlierer&#8220;<\/span><\/h3>\n<p>Gleich mehrere F\u00e4lle zeigen, dass es die AfD ist, die ihre &#8222;Wahlverlierer&#8220; auf Kosten der Steuerzahler*innen durchf\u00fcttert. So sollte zur Landtagswahl im Jahr 2014 Thomas Hartung auf dem zweiten Listenplatz kandidieren, gleich hinter Frauke Petry. Er war einer der Mitgr\u00fcnder der s\u00e4chsischen AfD gewesen und damals auch Vize-Landeschef. Auf seine Kandidatur, die ein sicheres Ticket ins Parlament gewesen w\u00e4re, musste er aufgrund \u00f6ffentlichen Drucks verzichten, weil er einen Lehrer mit Down-Syndrom beleidigt hat.<\/p>\n<p>Presseberichte, wonach Hartung nach der Wahl mit einem lukrativen Fraktionsjob &#8222;entsch\u00e4digt&#8220; werden soll, dementierte die Partei damals. Merkw\u00fcrdig: Bis Ende 2019 stand Hartung tats\u00e4chlich auf der Gehaltsliste der AfD-Fraktion.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich gab es wieder eine Landtagswahl. Karin Wilke, die bisher f\u00fcr die AfD im Parlament gesessen hatte, wollte ihre Laufbahn als Berufspolitikerin gerne fortsetzen, bewarb sich um den sicheren sechsten Listenplatz \u2013 kam bei den eigenen Mitgliedern aber nicht gut an und auf der aussichtslosen Position 37 raus. Vom Landtag musste sie trotzdem keinen Abschied nehmen: Sie ist jetzt nicht mehr Abgeordnete, sondern neuerdings Beraterin der AfD-Fraktion. Ganz \u00e4hnlich erging es Silke Sch\u00f6ps, die f\u00fcr die AfD im Dresdner Stadtrat sitzt. Sie wollte im vergangenen Jahr den Sprung in den Landtag schaffen, kam aber nur an das hintere Ende der Landesliste. Auch sie bekam eine Trostpflaster-Stelle in der neuen Landtagsfraktion.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">&#8222;Er braucht das Mandat, er braucht einen Job&#8220;<\/span><\/h3>\n<p>Daneben gibt es unter den Abgeordneten der AfD auch solche, die &#8222;auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance&#8220; haben. Ein Beispiel ist Andr\u00e9 Barth. Der Volljurist zog 2014 erstmals in den Landtag ein, im Jahr darauf verlor er seine Zulassung als Rechtsanwalt. Da er das zun\u00e4chst nicht publik machen wollte, verdonnerte ihn das Parlament zu einem Ordnungsgeld. Vor der Landtagswahl 2019 stand er vor der Frage, wie seine berufliche Zukunft auss\u00e4he, wenn er, der nicht ohne weiteres in seinen alten Beruf zur\u00fcckkehren kann, die Wahl verpatzt. Die Welt am Sonntag portr\u00e4tierte ihn in so:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"padding-left: 40px\">&#8222;Andr\u00e9 Barth hat keine Wahl, so sieht er das. Er braucht das Mandat, er braucht einen Job, ein Einkommen. Er hat alles auf diese eine Karte gesetzt, die Politik. (\u2026) Was w\u00fcrde er eigentlich machen, wenn er nicht wiedergew\u00e4hlt w\u00fcrde? Barth sagt, er habe keine Ahnung.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Barth hat so sehr darauf gefiebert, Berufspolitiker bleiben zu k\u00f6nnen, dass er sich vor dem Wahltermin ungew\u00f6hnliche Unterst\u00fctzung von au\u00dfen herbeisehnte, um einen Erfolg der AfD und damit seiner eigenen Kandidatur zu erzwingen \u2013 n\u00e4mlich einen islamistischen Terroranschlag, einen &#8222;Anis Amri 2&#8220;. Barth wurde letztlich wiedergew\u00e4hlt, dank eines vorderen Listenplatzes. Seine Gewaltphantasie widerrief er nicht.<\/p>\n<p>Neben ihm zogen auch AfD-Kandidat*innen in den Landtag ein, die sp\u00e4ter nicht in den Job zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, aus dem sie kamen, bevor sie gew\u00e4hlt wurde. Teils, weil sie keiner regul\u00e4ren Besch\u00e4ftigung nachgegangen sind. Teils, weil sie einer anderen Arbeit nachgingen, als sie behaupten. So bezeichnet sich der Abgeordnete Jan Zwerg, der zugleich Generalsekret\u00e4r der Sachsen-AfD ist, als &#8222;Unternehmer&#8220;. Wer im Handelsregister sucht, wird f\u00fcndig, allerdings weit in der Vergangenheit, im Jahr 1990. Bevor er in den Landtag kam, war er Angestellter eines Haustechnik-Unternehmens.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">&#8222;Extra geschaffene Stellen&#8220;<\/span><\/h3>\n<p>Gibt es, um das Ma\u00df voll zu machen, bei der AfD-Fraktion wom\u00f6glich auch so etwas wie &#8222;extra geschaffene Stellen&#8220; f\u00fcr nahe Angeh\u00f6rige, die einzurichten man dem Ministerpr\u00e4sidenten vorwirft? Ja: Vor zwei Jahren wurde eine Stelle f\u00fcr eine &#8222;studentische Mitarbeiterin&#8220; geschaffen, die es vorher nicht gegeben hat. Dort wurde eine junge Frau postiert, die aus Mei\u00dfen stammt und zu dieser Zeit an der TU Chemnitz studierte, ein St\u00fcck entfernt vom Landtag, der in Dresden steht. Sie ist die Tochter von Mario A\u00dfmann, den die Fraktion mehrfach als &#8222;Sachverst\u00e4ndigen&#8220; zu Anh\u00f6rungen des Sozialausschusses heranzog, und der au\u00dferdem als AfD-Wahlkampfmanager zur Landtagswahl 2019 fungierte.<\/p>\n<p>Man muss nicht so weit gehen wie die AfD und unterstellen, dass hier auf Kosten von Steuerzahler*innen &#8222;Parteisoldaten&#8220; belohnt und Jobs f\u00fcr sie oder Angeh\u00f6rige rausgeschlagen werden, dass Versorgungsposten als Quidproquo f\u00fcr Leistungen im Hintergrund oder als Ausgleich f\u00fcr ein Versagen an der Wahlurne entstehen. Es gen\u00fcgt, die Kritik der AfD an den &#8222;Altparteien&#8220;, an der Aufstockung der Di\u00e4ten und des Personalbudgets als das zu bezeichnen, was sie ist: ein besonders dreister Fall von Doppelmoral.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4chsische Landtagsmitglieder sollen mehr Geld f\u00fcr sich und f\u00fcr ihre Mitarbeiter*innen erhalten. 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