{"id":2470,"date":"2020-07-08T13:33:58","date_gmt":"2020-07-08T11:33:58","guid":{"rendered":"http:\/\/idas.noblogs.org\/?p=2470"},"modified":"2020-12-14T17:21:04","modified_gmt":"2020-12-14T16:21:04","slug":"der-rassenkrieger-und-die-afd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=2470","title":{"rendered":"Der &#8222;Rassenkrieger&#8220; und die AfD"},"content":{"rendered":"<p>Mitglieder der Leipziger Burschenschaft Germania betrieben Vorbereitungen f\u00fcr den &#8222;Tag X&#8220; und r\u00fcsteten zum &#8222;Rassenkrieg&#8220;. Neue Recherchen zeigen: Die Beteiligten planten offenbar einen Angriff auf eine Politiker*in, mit Wissen eines Staatsanwalts. Der mutma\u00dfliche Wortf\u00fchrer Michael Volker Schuster hatte zudem enge Verbindungen zu s\u00e4chsischen AfD-Abgeordneten \u2013 bis hin zum Vizepr\u00e4sidenten des Landtags.<!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"color: #1e73be\">\u2193<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Nur eine &#8222;Zeitungsklamotte&#8220;?<\/span><\/h3>\n<p>F\u00fcr Sachsens \u00e4lteste Burschenschaft, die Germania aus Leipzig, l\u00e4uft es derzeit nicht rund. Das Facebookprofil der schlagenden Studentenverbindung ist verschwunden, etliche Mitglieder sind auf Tauchstation gegangen. Wer sich auf der offiziellen Website nach kommenden Veranstaltungen erkundigt, bekommt eine leere Seite zu Gesicht \u2013 und einen &#8222;Hinweis zur aktuellen Berichterstattung&#8220;. Darin zeigt man sich &#8222;\u00fcberrascht&#8220; von den &#8222;bekannt gewordenen Inhalten privater Chatprotokolle einiger weniger Mitglieder&#8220;, die man keineswegs billige. Manche Protagonisten seien inzwischen, &#8222;soweit ihnen der Vorwurf eines pers\u00f6nlichen Verschuldens gemacht werden konnte&#8220;, nicht mehr Mitglied der Burschenschaft.<\/p>\n<p>\u00dcber sie hatten vor einem Monat die Tageszeitung <a href=\"https:\/\/taz.de\/taz-Recherche-zu-rechtsextremen-Preppern\/!5688563\/\"><i>taz<\/i><\/a>, das Rechercheportal <a href=\"https:\/\/lsa-rechtsaussen.net\/sieg-heil-herr-hauptmann-rechte-prepper-in-der-bundeswehr\/\"><i>Sachsen-Anhalt rechtsau\u00dfen<\/i><\/a> und <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=2164\"><i>idas<\/i><\/a> ausf\u00fchrlich berichtet. Demnach haben Mitglieder der Germanen seit 2015 in einer Facebook-Chatgruppe \u00fcber Vorbereitungen zu einem &#8222;Endkampf&#8220; diskutiert, \u00fcber die m\u00f6glicherweise illegale Beschaffung von Waffen und die Teilnahme an Wehr\u00fcbungen beim Reservistenverband der Bundeswehr. Thema war auch die Einrichtung eines &#8222;Zufluchtsorts&#8220;, in dem man sich verschanzen w\u00fcrde, wenn der &#8222;Tag X&#8220; anbricht. Die militanten Germanen w\u00e4hnten sich in einem &#8222;Rassenkrieg&#8220;.<\/p>\n<p>Was aufhorchen lie\u00df: Mehrere Germanen waren eng mit der AfD verbunden, die beiden Leipziger Burschenschafter Hannes Rother und Michael Volker Schuster \u2013 einer der Wortf\u00fchrer in den Chats \u2013 arbeiteten sogar f\u00fcr die sachsen-anhaltische AfD-Landtagsfraktion. Schuster, &#8222;Wolf&#8220; genannt, fand die Stimmung dort gar &#8222;ausgelassen hitleristisch&#8220;. Im Magdeburger Landtag musste sich die AfD deshalb unangenehme Fragen gefallen lassen. Antworten fand sie nicht: Fraktionschef Oliver Kirchner sagte bei der vorletzten Plenarsitzung, er k\u00f6nne nun einmal &#8222;in keinen Kopf eines Mitarbeiters schauen&#8220;. Sein Fraktionskollege Robert Farle nannte die belastenden Berichte eine &#8222;alte Zeitungsklamotte&#8220;. Bei der Staatsanwaltschaft Leipzig wurde unterdessen ein Pr\u00fcfvorgang angelegt. Dort, bei der Polizei und beim s\u00e4chsischen Verfassungsschutz erfuhr man erstmals aus den Medien von den Vorg\u00e4ngen.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Drastischer Rassismus<\/span><\/h3>\n<p>Inzwischen liegen <i>idas<\/i> neue Dokumente aus dem Innenleben der Burschenschaft und der AfD vor. Die Unterlagen enthalten ernstzunehmende Hinweise, dass Germania-Mitglieder \u00fcber ihre Gewaltphantasien hinaus gegangen sind und einen \u00dcberfall auf eine Politiker*in geplant haben. Zudem waren die Verbindungen des mutma\u00dflichen R\u00e4delsf\u00fchrers Schuster zur Rechtspartei viel enger als bisher bekannt. Er kennt mehrere s\u00e4chsische AfD-Abgeordnete pers\u00f6nlich, unter ihnen ist auch der Landtags-Vizepr\u00e4sident Andr\u00e9 Wendt. Und: Von den Enth\u00fcllungen aus den Prepper-Chats konnte man in Schusters Umfeld keineswegs \u00fcberrascht sein.<\/p>\n<p>Unter den Bundesbr\u00fcdern n\u00e4mlich, die sich nach au\u00dfen stets als traditionsbewusste Konservative geben, waren Ton und Sitten schon lange eher rau und braun. In E-Mails gr\u00fc\u00dften sich die Germanen jahrelang mit &#8222;Heil Dir!&#8220;, wahlweise auch mit &#8222;Donnernden Heilsgr\u00fc\u00dfen&#8220; oder, wie Schuster es mitunter tat, mit &#8222;Heil und Sieg&#8220;. Es blieb in diesen Kreisen unwidersprochen, wenn es hie\u00df, dass &#8222;Kanacken (\u2026) in Deutschland der Hauptfeind&#8220; seien, oder wenn vom &#8222;Judensystem&#8220; die Rede war. Schuster war ein Einheizer: Als vor rund zehn Jahren der v\u00f6lkisch-nationalistische Dachverband &#8222;Deutsche Burschenschaft&#8220; (DB) Schlagzeilen machte, weil man Mitgliedern eine Art Ahnenpass abverlangen wollte, entwarf er einen Artikel f\u00fcr das DB-Verbandsmagazin, die <i>Burschenschaftlichen Bl\u00e4tter<\/i>.<\/p>\n<p>Dort wollte er begr\u00fcnden, \u201ewarum Mischlinge nicht Mitglied der Burschenschaft\u201c sein k\u00f6nnen. Schusters Antwort: \u201eN**** oder S\u00f6hne Nippons\u201c seien blo\u00df \u201efleischgewordenes Abbild des Abhandenkommens burschenschaftlicher Grunds\u00e4tze\u201c, zu denen die \u201eBewahrung deutscher Art, deutschen Wesens und deutschen Blutes\u201c geh\u00f6re. Die \u201eEinwanderer fremder Rassen\u201c seien nichts anderes als \u201eGef\u00e4hrder unserer v\u00f6lkischen Eigenart\u201c. Sie zu wahren hei\u00dfe, den Kampf gegen eine \u201eausufernde V\u00f6lkervermischung\u201c aufzunehmen. Ein Bundesbruder, dem Schuster das Manuskript zum Gegenlesen gab, bedankte sich f\u00fcr die \u201eDenkanst\u00f6\u00dfe\u201c \u2013 warnte aber vor den vielen \u201eBegriffen aus Adi\u2019s Zeiten\u201c. Sie waren so zahlreich, dass der Artikel nie erscheinen konnte. Es w\u00e4re vom Text nicht viel \u00fcbrig geblieben.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Deutliche Verbindungen in die Neonaziszene<\/span><\/h3>\n<p>Innerhalb der DB war die Germania schon zuvor mit \u00e4hnlichem Vokabular angeeckt. Aus ihren Reihen heraus soll 2009 beim Burschentag, dem j\u00e4hrlichen DB-Verbandstreffen in Eisenach, ein Gast einer anderen Verbindung aufs \u00dcbelste rassistisch beleidigt worden sein. Waren das vielleicht nur einzelne Ausrutscher? Wohl nicht. Bei der Germania redete man n\u00e4mlich nicht nur so, wie es Neonazis tun, sondern man arbeitete auch unbek\u00fcmmert mit ihnen zusammen.<\/p>\n<p>Als man sich vor einigen Jahren eine neue Website entwerfen lie\u00df, spannte man daf\u00fcr Fabian S. ein, einen damaligen Neonazi aus der Kameradschaftsszene. Als man sich zum Jahreswechsel 2014\/2015 um das Wohl des Hauses sorgte, in dem sich die Burschenschaft trifft, beauftragte der Alte Herr Alexander Pitzinger einen Security-Unternehmer aus der rechten Szene, Christian Pohle. Er hatte vorher in Leipzig ein Szenegesch\u00e4ft mit Bekleidung f\u00fcr Neonazi-Kundschaft betrieben, bevor er in ein vermeintlich seri\u00f6seres Gewerbe wechselte. Einer der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Pohles Unternehmen, Felix Tessenow, wurde sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=172\">Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Christoph Neumann<\/a>.<\/p>\n<p>Auch Gewalt war nie ein Tabu unter den Germanen. Vor einigen Jahren trat ein Student aus der Verbindung aus. Ihm war vorgeworfen worden, der Ex-Freundin eines anderen Burschenschafters Avancen gemacht zu haben. In diesen Kreisen ist das eine ernste Ehrverletzung. Konsequenz: Dem jungen Burschenschafter wurde auf der Germania-Etage aufgelauert, er wurde umringt, bedroht und geschlagen. Mehrere unbeteiligte Germanen beobachteten den Vorfall, griffen aber nicht ein.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Angriff auf Politiker*in geplant<\/span><\/h3>\n<p>Ein weiterer Fall zeigt, dass die Germanen wom\u00f6glich sogar einen \u00dcberfall auf eine Politiker*in und deren Familie geplant haben. Das war im Fr\u00fchjahr 2015, als man bei der Germania begeistert war von den rassistischen Pegida-Protesten in Dresden und dem noch radikaleren Ableger Legida in Leipzig. In der Hochphase der Stra\u00dfenproteste sendete ein Alter Herr der Germanen, der Leipziger Rechtsanwalt Christoph Lutz, eine Mail mit dem Betreff &#8222;Da muss was passieren&#8220; an rund zwei Dutzend Empf\u00e4nger, allesamt Germania-Mitglieder, der harte Kern. Angehangen war ein Presseartikel, dem zufolge im Leipziger Stadtteil Wahren ein Neonazi verpr\u00fcgelt wurde.<\/p>\n<p>Es sei nun &#8222;h\u00f6chste Zeit&#8220;, kommentierte Lutz, &#8222;dass die Kutsche mal zur\u00fcck&#8220; zu der offenbar verhassten Politiker*in kehre und man sie sich vorkn\u00f6pft. &#8222;Und wenn dieses Drecksvieh nicht zu schnappen ist&#8220;, k\u00f6nne man sich an der Mutter vergreifen, die Lutz mit vollem Namen benannte. Er setzte die Adresse eines Ladengesch\u00e4fts hinzu, in der die Mutter damals arbeitete. &#8222;Vielleicht findet der eine oder andere Stein seinen Weg&#8220; in dieses Gesch\u00e4ft, sinnierte der Absender. Unter den Empf\u00e4ngern der Mail war unter anderem Michael Volker Schuster. Er wohnte zu dieser Zeit genau 800 Meter von dem Gesch\u00e4ft entfernt. Ein anderer Empf\u00e4nger war der Germane Axel Knoll. Er ist gut bekannt mit Schuster und war sogar zu dessen Hochzeit eingeladen. Knoll ist im Hauptberuf Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Leipzig und war dort in der Vergangenheit auch f\u00fcr die Verfolgung politisch motivierter Straftaten zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Es ist nicht bekannt, ob Knoll oder andere Germanen versucht haben, ihre Bundesbr\u00fcder zu bremsen und von einer Gewalttat abzuhalten. Klar ist aber: Einen Angriff auf die Eltern der Politiker*in hat es rund ein halbes Jahr sp\u00e4ter wirklich gegeben. Unbekannt gebliebene T\u00e4ter attackierten deren Wohnhaus, und zwar mit Steinen, wie es bei den Germanen vorgeschlagen worden war. Die Polizei nahm den Schaden auf und stellte die Ermittlungen bald ohne Ergebnis ein. Ungekl\u00e4rt blieb damit auch, woher die T\u00e4ter die Anschrift der Eltern kannten. Die \u00d6ffentlichkeit erfuhr von dem Vorfall gar nichts. Heute wei\u00df man allerdings: Die Tat geschah just zu der Zeit, als die Fanatiker unter den Germanen begannen, \u00fcber den &#8222;Endkampf&#8220; zu chatten.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Unter dem Deckmantel der Bundeswehr<\/span><\/h3>\n<p>\u00dcberhaupt spielten Gewalt sowie das Interesse an Uniformen und Waffen stets eine gro\u00dfe Rolle in der Lebenswelt der Germanen, auch f\u00fcr Michael Volker Schuster pers\u00f6nlich. Etliche Fotos zeigen ihn in Flecktarn-Uniform, manchmal mit eigenwilligen Erg\u00e4nzungen, etwa dem schwarz-wei\u00df-roten Germanenband, oder auch mit einem \u201eEisernen Kreuz\u201c um den Hals, das nach 1945 nicht mehr verliehen wurde. Nach seinem Wehrdienst war Schuster dem s\u00e4chsischen Reservistenverband beigetreten und bet\u00e4tigt sich dort seit Mitte der 2000er-Jahre als Funktion\u00e4r, zun\u00e4chst als Landes- und Bundesdelegierter, zuletzt als Mitglied des Landesschiedsgerichts.<\/p>\n<p>Andere Germanen gingen einen \u00e4hnlichen Weg, und es gelang ihnen, weitere Burschenschafter vom Beitritt zu \u00fcberzeugen. In der Leipziger Verbindungsszene machte es offenbar einigen Eindruck, auch f\u00fcr die korporations\u00fcbergreifende Kommunikation offizielle Bundeswehr-Mailadressen zu verwenden. Vor allem aber er\u00f6ffnete der Reservistenverband einen leichten Zugang zu Waffen. So fand im Jahr 2010 in Leipzig ein offizieller Schie\u00dfsportwettkampf des Reservistenverbandes mit scharfen Repetiergewehren und Pistolen statt. Die meisten Beteiligten waren Burschenschafter. Als sie die Veranstaltung sp\u00e4ter unter sich auswerteten, bezeichneten sie die Veranstaltung als \u201eKorporiertes Vergleichsschie\u00dfen\u201c.<\/p>\n<p>Schuster besitzt auch privat Schusswaffen, seit 2009 ist er Inhaber eines Jagdscheins. So ein Dokument zu erwerben empfahl er vor einigen Jahren einem anderen Burschenschafter, denn es handle sich um &#8222;eine vergleichsweise g\u00fcnstige Investition zur Vorbereitung auf den gro\u00dfen Rassenkrieg&#8220;. \u00c4hnlich \u00e4u\u00dferte er sich 2015 in einer E-Mail an Christoph Lutz. Zwar sei der Jagdschein teuer, meinte Schuster. Er monierte die &#8222;j\u00fcdischen Preise&#8220;, doch &#8222;was tut man nicht alles zur Vorbereitung des Rassekrieges&#8220;. Mit dieser Meinung war er in seinem Milieu kein Au\u00dfenseiter, sondern geachtet genug, um beispielsweise jahrelang Einladungen zu internen Veranstaltungen der neonazistischen &#8222;Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland&#8220; (JLO) zu erhalten.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">&#8222;P\u00f6stchenj\u00e4ger&#8220; Schuster<\/span><\/h3>\n<p>Dass Schusters Weg nur wenig sp\u00e4ter zur AfD f\u00fchren w\u00fcrde, war dagegen nicht vorprogrammiert und in der Parallelgesellschaft der Germanen sogar untypisch. Dort bevorzugt man eine idealistische Haltung jeder Parteipolitik. Einmal war Schuster f\u00fcr die &#8222;Deutsche Soziale Union&#8220; (DSU) zur Kommunalwahl angetreten, ohne Erfolg allerdings und ohne der Partei beizutreten. Jahrelang war er au\u00dferdem Wahlhelfer f\u00fcr die Stadt Leipzig, ohne sich selbst parteipolitisch zu exponieren. Untereinander berichteten sich die Burschen, dass man manchmal CDU und manchmal &#8222;Protest&#8220; w\u00e4hle. Bevor die AfD entstand war damit die NPD gemeint.<\/p>\n<p>Von der AfD war man zun\u00e4chst auch nicht besonders angetan, Germanen besuchten einige Veranstaltungen der jungen Partei, doch bald stand das Urteil fest, dass es sich vor allem um &#8222;Deppen&#8220; handle. So sahen das sogar Korporierte, die sich selbst in der AfD engagierten. Der Leipziger Rechtsanwalt Roland Ulbrich etwa meinte, nachdem die Partei 2014 erstmals in den Landtag eingezogen war, dass es sich doch blo\u00df um eine &#8222;Hilfstruppe der CDU&#8220; handle. Inzwischen ist Ulbrich selbst Abgeordneter der AfD.<\/p>\n<p>Gerade durch ihre parlamentarischen Erfolge wurde die AfD zunehmend interessant f\u00fcr Germanen auf Arbeitssuche, f\u00fcr Leute wie Schuster, die nach zwei Dutzend Semestern an der Universit\u00e4t Leipzig nicht besonders viel Berufserfahrung hatten, sondern sich \u00fcber Wasser hielten, indem sie bei \u00e4lteren Bundesbr\u00fcdern jobbten. Nach der sachsen-anhaltischen Landtagswahl im M\u00e4rz 2016 kursierten dann in Verbindungskreisen Stellenanzeigen f\u00fcr die neue AfD-Fraktion. Schuster war zun\u00e4chst skeptisch und vermutete, dass schon gen\u00fcgend &#8222;P\u00f6stchenj\u00e4ger&#8220; unterwegs seien. Aber ihm wurde gut zugesprochen, so dass er sich bewarb \u2013 und tats\u00e4chlich angestellt wurde. Seither war er Referent f\u00fcr Arbeit, Soziales und Integration. Zuletzt arbeitete er insbesondere dem Fraktionsvorsitzenden Oliver Kirchner zu, einem Fl\u00fcgel-Mann.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">AfD-Netzwerk nach ganz rechtsau\u00dfen<\/span><\/h3>\n<p>Wohl um seine Chancen auf eine Anstellung zu beg\u00fcnstigen, trat Schuster auch selbst der AfD bei. Den Mitgliedsantrag stellte er zun\u00e4chst in Sachsen, sp\u00e4ter wurde er im Kreisverband Magdeburg aufgenommen. Dorthin war er arbeitsbedingt verzogen und brachte sich vor Ort auch aktiv in die Parteiarbeit ein, er wurde Funktion\u00e4r der AfD. So baute er beispielsweise die Friedrich-Friesen-Stiftung (FFS) mit auf, die erste AfD-nahe Stiftung auf Landesebene. F\u00fcr die FFS hielt Schuster Vortr\u00e4ge, auch au\u00dferhalb ihres eigentlichen Wirkungsbereichs, etwa beim AfD-Kreisverband Leipzig. Zudem bet\u00e4tigte er sich im Landesfachausschuss f\u00fcr Soziales der sachsen-anhaltischen AfD. Er konnte dort aktiv Einfluss nehmen auf die programmatische Entwicklung der Partei.<\/p>\n<p>Nach und nach wuchs Schusters verzweigtes Rechtsau\u00dfen-Netzwerk. Im Jahr 2016, er war gerade in Magdeburg angekommen, lie\u00df er sich erneut ins Landesschiedsgericht des s\u00e4chsischen Reservistenverbandes w\u00e4hlen. Zur gleichen Zeit war f\u00fcr den Verband als &#8222;Landesbeauftragter f\u00fcr den Sanit\u00e4tsdienst&#8220; ein Dresdner Arzt namens Hans-Joachim Klaudius aktiv, der zeitweise auch im Vorstand des AfD-Kreisverbandes Dresden sa\u00df. Klaudius vermietet auf seinem Privatgrundst\u00fcck B\u00fcror\u00e4ume an Philip Stein, den Anf\u00fchrer der neofaschistischen Initiative &#8222;Ein Prozent&#8220;. Ende 2016 meldete sich bei Schuster dann ein Burschenschafter namens Pierre Hillebrecht. Er fragte Schuster nach einem Job im Magdeburger Landtag \u2013 und berief sich auf einen gemeinsamen Bekannten, den &#8222;Verbandsbruder Stein&#8220;.<\/p>\n<p>Als 2018 Steins &#8222;Ein Prozent&#8220;-Initiative in Halle\/Saale zu einer Veranstaltung einlud, die im damaligen Hausprojekt der Identit\u00e4ren Bewegung stattfand, verbreiteten das neurechte &#8222;Institut f\u00fcr Staatspolitik&#8220; und die Zeitschrift &#8222;Sezession&#8220;, die Schuster jahrelang abonniert hatte, daf\u00fcr Werbung per E-Mail. Sie ging auch in der sachsen-anhaltischen AfD-Fraktion ein. Ein Kollege Schusters, das Germania-Mitglied Hannes Rother, leitete den Aufruf an etliche Germanen weiter, \u00fcbrigens von seiner offiziellen Fraktions-Mailadresse aus. Bis heute bestreitet &#8222;Ein Prozent&#8220;, etwas mit den Identit\u00e4ren zu schaffen zu haben. Und seitens der AfD versucht man zu beiden Abstand zu wahren, denn sie werden durch Verfassungsschutzbeh\u00f6rden beobachtet.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">&#8222;Einwandfreier Umgang&#8220;?<\/span><\/h3>\n<p>F\u00fcr Schuster lief es lange gut bei der AfD, bis etwa Mitte vergangenen Jahres. Dann wurde er pl\u00f6tzlich von seinen Verpflichtungen freigestellt, weil er den Arbeitsfrieden gest\u00f6rt haben soll. Anfang August 2019 folgte die fristlose K\u00fcndigung wegen &#8222;gravierenden Pflichtverletzungen&#8220;. Schuster schaltete umgehend einen Rechtsbeistand ein, den Berliner Anwalt Alexander Bejach, der zugleich ein Alter Herr der Germanen ist. Bejach wandte sich f\u00fcr Schuster an das Arbeitsgericht Magdeburg und behauptete, dass sein Mandant stets einen &#8222;einwandfreien Umgang&#8220; gepflegt habe. Daf\u00fcr gebe es sogar Zeugen aus dem Kollegium. Namentlich benannt wurden Hannes Rother sowie Ben Niclas Berressem, der inzwischen f\u00fcr die s\u00e4chsische AfD-Fraktion arbeitet<\/a>. Bejach erreichte, dass Schuster ein ordentliches Arbeitszeugnis erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Und er erreichte auch, dass der Ex-Arbeitsgeber den genauen K\u00fcndigungsgrund bekanntgab: &#8222;Die St\u00f6rung lag insbesondere darin, dass sich der Kl\u00e4ger&#8220;, also Michael Volker Schuster, gegen\u00fcber weiblichen Mitarbeitern (\u2026) in der Vergangenheit in einer Vielzahl von F\u00e4llen sexistisch bzw. sexuell beleidigend verhalten hatte&#8220;, hei\u00dft es in einem Schriftsatz. Zudem habe Schuster &#8222;in einer Vielzahl von Reisekostenabrechnungen betrogen&#8220;. Er soll vorgegeben haben, f\u00fcr Dienstreisen, die vor allem zum Bundestag f\u00fchrten, ein Auto zu nutzen. Daf\u00fcr berechnete er ein Kilometergeld, das ihm die Fraktion erstattete. In Wirklichkeit hatte Schuster zeitweise gar keinen F\u00fchrerschein, sondern fuhr mit dem Zug. Damit kam er g\u00fcnstiger, die Extra-Erstattung steckte er sich in die eigene Tasche. Aus Sicht der Fraktion war das eine Verm\u00f6gensstraftat.<\/p>\n<p>Schuster war dennoch guter Dinge, er rechnete sich passable Chancen aus, rasch zur s\u00e4chsischen AfD-Fraktion zu wechseln. Noch im Juni 2019, vor seiner offiziellen K\u00fcndigung, wandte er sich an den Fraktionsgesch\u00e4ftsf\u00fchrer Bernd Lommel. Daraufhin kam es zu einem &#8222;informellen Vorstellungstermin&#8220; mit dem Fraktionsberater Michael Elicker, einem Verfassungsrechtler, der aus dem Saarland stammt. Aus dem erhofften fliegenden Wechsel nach Dresden wurde damals, kurz vor der Landtagswahl, offenbar nichts. Daher bewarb sich Schuster Anfang September, kurz nach der Wahl, erneut in Sachsen. &#8222;Nach meiner \u00dcberzeugung z\u00e4hlt die erfolgreiche Verbindung der sozialen Frage mit den Fragen nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t und deutscher Identit\u00e4t, vor dem Hintergrund wachsender Verteilungsk\u00e4mpfe, zu den Zukunftsfragen der AfD&#8220;, f\u00fchrte er in seinem Anschreiben aus.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Bewerbungen in Sachsen<\/span><\/h3>\n<p>Dann wurde es pl\u00f6tzlich still. Auch Versuche, einzelne AfD-Politiker wie den neu ins Parlament eingezogenen Leipziger Landtagsabgeordneten J\u00f6rg K\u00fchne zu kontaktieren, f\u00fchrten \u00fcber Monate nicht zu einer Anstellung. Schlie\u00dflich erhielt Schuster im April dieses Jahres so etwas wie eine Entschuldigung: &#8222;Es tut mir leid&#8220;, schrieb der Landtagsabgeordnete Andr\u00e9 Wendt, dass es &#8222;mit einer Anstellung in der Fraktion nicht geklappt hat&#8220;, er dr\u00fccke ihm aber weiter die Daumen. Wendt war zu der Zeit nicht mehr nur einfacher Abgeordneter, sondern bereits zum Zweiten Vizepr\u00e4sident des Landtages gew\u00e4hlt. Der Berufssoldat Wendt und der Reserveoffizier Schuster duzen sich.<\/p>\n<p>Ein Grund, in Sachsen nicht gelandet zu sein, k\u00f6nnte die Neigung etlicher hiesiger AfD-Abgeordneter sein, aus ihrem Budget f\u00fcr Mitarbeiter*innen viele prek\u00e4re 450-Euro-Jobs zu generieren. Anfang des Jahres stand eine Erh\u00f6hung der Personalpauschale zur Debatte, <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=662\">doch die AfD selbst machte Front gegen die Pl\u00e4ne<\/a>, seit der Pandemie liegen sie eh auf Eis. M\u00f6glich ist allerdings auch, dass sich die Gr\u00fcnde f\u00fcr Schusters K\u00fcndigung in Sachsen-Anhalt herumgesprochen haben. Er blitzte n\u00e4mlich auch in der brandenburgischen AfD-Fraktion sowie im Bundestag ab.<\/p>\n<p>So bewarb er sich bei dem Bundestagsabgeordneten Detlef Spangenberg, der aus Sachsen stammt, und holte daf\u00fcr die F\u00fcrsprache der beiden Abgeordneten Christian Wirth und J\u00f6rg Schneider ein, denen er zuvor bei Fraktionsveranstaltungen begegnet war. Danach versuchte Schuster sein Gl\u00fcck bei Enrico Komning, selbst ein Burschenschafter, wieder erfolglos. Ebenfalls nicht zielf\u00fchrend war es, sich bei dem Abgeordneten Roland Hartwig zu bewerben. Den Kontakt bekam Schuster von seinem fr\u00fcheren Kollegen Hannes Rother vermittelt, der inzwischen eine Stelle bei Sebastian M\u00fcnzenmaier erhalten hatte. Bei dieser Bewerbung sprang f\u00fcr Schuster nur ein Online-Interview mit dem Mitarbeiter G\u00fcnther Lachmann heraus, einem fr\u00fcheren WELT-Reporter.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">K\u00fcndigung im Bundestag<\/span><\/h3>\n<p>Dann endlich schien es doch zu gelingen, Schuster erhielt im Mai einen Arbeitsvertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei dem Bundestagsabgeordneten Ren\u00e9 Springer. Arbeitsbeginn war der 1. Juni. Viel zu tun hatte Schuster nicht, denn schon nach anderthalb Wochen kam die K\u00fcndigung \u2013 kurz nach den Enth\u00fcllungen \u00fcber die Gewalt-Chats der Germanen. Der Vertrag l\u00e4uft zum 31. Juli aus.<\/p>\n<p>Die Recherchen hatten weitere Folgen: Bei der Friedrich-Friesen-Stiftung will man Schuster nicht mehr haben und strich seine Mitgliedschaft, offiziell, weil er im vergangenen Jahr in Verzug bei der \u00dcberweisung des Jahresbeitrags war. F\u00fcr seinen AfD-Mitgliedsbeitrag lie\u00df sich Schuster noch eine Zuwendungsbescheinigung des Bundesschatzmeisters Carsten H\u00fctter ausstellen, bevor er k\u00fcrzlich von selbst aus der Partei austrat. Die AfD im Bundestag und in Sachsen haben bis heute keine Stellung genommen zu ihren Kontakten zu Schuster und weiteren Germanen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitglieder der Leipziger Burschenschaft Germania betrieben Vorbereitungen f\u00fcr den &#8222;Tag X&#8220; und r\u00fcsteten zum &#8222;Rassenkrieg&#8220;. Neue Recherchen zeigen: Die Beteiligten planten offenbar einen Angriff auf eine Politiker*in, mit Wissen eines Staatsanwalts. Der mutma\u00dfliche Wortf\u00fchrer Michael Volker Schuster hatte zudem enge Verbindungen zu s\u00e4chsischen AfD-Abgeordneten \u2013 bis hin zum Vizepr\u00e4sidenten des Landtags.<\/p>\n","protected":false},"author":14643,"featured_media":2469,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,5],"tags":[],"class_list":["post-2470","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-dossier-verfassungsschutz","category-hintergruende"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2470","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14643"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2470"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2470\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4418,"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2470\/revisions\/4418"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2469"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/idas.noblogs.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}