{"id":2045,"date":"2020-06-01T15:15:26","date_gmt":"2020-06-01T13:15:26","guid":{"rendered":"http:\/\/idas.noblogs.org\/?p=2045"},"modified":"2020-06-01T15:38:02","modified_gmt":"2020-06-01T13:38:02","slug":"teichmann-und-die-nazis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=2045","title":{"rendered":"Teichmann und die Nazis"},"content":{"rendered":"<p>Am Himmelfahrtstag haben Neonazis in der S\u00e4chsischen Schweiz die Polizei angegriffen. Der AfD-Politiker Ivo Teichmann behauptet, dass alles ganz anders war, und nimmt die mutma\u00dflichen T\u00e4ter in Schutz. Neue Recherchen zeigen, dass der Landtagsabgeordnete mit der rechten Szene keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste hat: Erst vor kurzem bot er einer gewaltbereiten Gruppe, die in Griechenland auf Gefl\u00fcchtete losgehen wollte, seine Unterst\u00fctzung an.<!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"color: #1e73be\">\u2193<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Die sogenannte Feier<\/span><\/h3>\n<p>Der Himmelfahrtstag neigt sich, als die Polizei alarmiert wird. Es geht um L\u00e4rm bei einer Feier in der S\u00e4chsischen Schweiz, im Touristenort K\u00f6nigstein, Ortsteil Pfaffendorf. Kaum 300 Menschen leben dort in einer pittoresken Landschaft. Einige Beamt*innen der Bereitschaftspolizei machen sich am fr\u00fchen Abend auf den Weg dorthin. Als sie eintreffen, werden sie \u00fcberrumpelt und &#8222;unvermittelt von 20 bis 25 Personen attackiert&#8220;, die zu der Zeit klar in der \u00dcberzahl sind, so schildert es sp\u00e4ter die zust\u00e4ndige Polizeidirektion. Gl\u00e4ser und Flaschen fliegen auf die Einsatzkr\u00e4fte, Holzlatten und Stahlrohre werden geschwungen, ein Dienstfahrzeug besch\u00e4digt. Dazu erschallen &#8222;Sieg Heil&#8220;-Rufe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Polizei Verst\u00e4rkung heranfunkt, zerstreuen sich die Angreifer*innen, einige verstecken sich in der N\u00e4he, manche fliehen \u00fcbers offene Feld in Richtung Wald. Doch insgesamt 30 Verd\u00e4chtige k\u00f6nnen gestellt und festgenommen werden. Einige von ihnen sind keine unbeschriebenen Bl\u00e4tter, sondern bereits wegen rechtsmotivierter Straftaten aktenkundig geworden. Jetzt kommen neue Vorw\u00fcrfe hinzu: Landfriedensbruch, Sachbesch\u00e4digung und Bedrohung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Als Beifang wird nun au\u00dferdem wegen Waffen- und Drogenfunden ermittelt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_presse.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"567\" class=\"alignleft size-full wp-image-2040\" srcset=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_presse.jpg 1000w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_presse-300x170.jpg 300w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_presse-150x85.jpg 150w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_presse-768x435.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><br \/>\n<small><i>Nach dem Neonazi-&#8222;M\u00e4nnertag&#8220; in Pfaffendorf: klares Presseecho.<\/i><\/small><\/p>\n<p>Nach Angaben der <em>S\u00e4chsischen Zeitung<\/em> hatten sich die Verd\u00e4chtigen in Pfaffendorf f\u00fcr eine braune M\u00e4nnertagsfeier in einer Art &#8222;Neonazi-Klubhaus&#8220; getroffen, drapiert mit &#8222;eindeutiger Dekoration im Inneren, ein Stahlhelm als Lampenschirm etwa, Propagandaplakate der Wehrmacht, Totenkopfsymbole, Orden aus dem Dritten Reich, eine \u00dcbungshandgranate, die Attrappe einer Panzergranate, Einhandmesser und diverses anderes rechtsextremes Propagandamaterial.&#8220; Einige der Verd\u00e4chtigen sollen aus dem Umfeld &#8222;Skinheads S\u00e4chsische Schweiz&#8220; kommen. Die wegen ihrer Gewaltbereitschaft ber\u00fcchtigte Kameradschaft, kurz als SSS bekannt, wurde 2001 verboten. Auf einem Pressefoto ist einer der Festgenommenen zu sehen, auf seiner Hose befindet sich ein kleiner Aufn\u00e4her, der einen Comicvogel zeigt. Es ist das Logo der &#8222;Peckerwood Brotherhood&#8220;, eine der heute in der Region aktiven Neonazi-Gruppen, die das Erbe der SSS angetreten haben.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Das &#8222;andere Bild&#8220;<\/span><\/h3>\n<p>Es war ein schwerwiegender Vorfall, der auch einen ortsans\u00e4ssigen Landtagsabgeordneten besch\u00e4ftigt: Ivo Teichmann von der AfD. Seit vergangenem Jahr sitzt er im Parlament, holte im Wahlkreis fast 37 Prozent der Stimmen, geh\u00f6rte bis vor kurzem auch zum Landesvorstand der Partei. Er hat sich in den letzten anderthalb Wochen mehrfach zu den Ausschreitungen am Himmelfahrtstag ge\u00e4u\u00dfert, nachzulesen auf seiner Facebook-Seite. Dort beklagt er ausf\u00fchrlich die &#8222;Stimmungsmache&#8220; durch Medien, die sich &#8222;gegen K\u00f6nigsteiner und eine ganze Region&#8220; richten w\u00fcrde. Ein &#8222;Bashing&#8220; sei das, &#8222;tourismussch\u00e4dlich&#8220; au\u00dferdem. Einen Linken-Abgeordneten, der die Ausschreitungen verurteilt hat, nennt er &#8222;nestbeschmutzend&#8220;.<\/p>\n<p>Es gehe ihm darum, sagt Teichmann \u00fcber sich, &#8222;vorschnelle (Fehl-) Urteile gegen\u00fcber den 30 Personen und letztlich unserem Ort&#8220; zu verhindern. Als &#8222;Betroffene&#8220; bezeichnet er die Tatverd\u00e4chtigen. &#8222;Selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re jede Form rechtsextremen Treibens und Gewalt gegen Polizeibeamte abzulehnen&#8220;, betont er auch. Aber hat es die \u00fcberhaupt gegeben? Teichmann zweifelt, leugnet: &#8222;Meine Recherchen ergaben ein anderes Bild vom Geschehen.&#8220; Er erl\u00e4utert das nicht n\u00e4her. Pers\u00f6nlich vor Ort, das betont er eigens, war er am Tatabend nicht.<\/p>\n<p>Warum \u00e4u\u00dfert sich Teichmann so? Es gibt zwei m\u00f6gliche Antworten auf diese Frage. Die erste Antwort lautet: Der Abgeordnete hat ein gesch\u00e4ftliches Interesse am guten Ruf des Ortes, in dem er selber lebt. Er ist bereits seit 2003 Vorsitzender des Tourismusvereins Elbsandsteingebirge und damit Lobbyist eines derzeit stark gebeutelten Gewerbes. Auch auf seinem eigenen Grundst\u00fcck werden Ferienwohnungen vermietet. Offiziell erledigt das seine Ehefrau. Doch wer sich bei Familie Teichmann einmieten will, wendet sich an eine E-Mail-Adresse, die der AfD-Politiker auf Parteidokumenten als seine pers\u00f6nliche Erreichbarkeit angibt.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Der Gastgeber<\/span><\/h3>\n<p>Die andere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr Teichmanns \u00c4u\u00dferungen ist weit unangenehmer. Bekannt ist sein belastetes Verh\u00e4ltnis zur Polizei, bei der er jahrelang als Verwaltungsbeamter gearbeitet hat. Erst Anfang des Jahres soll er in Dresden mehrere Beamt*innen beleidigt haben, weil sie ihren Dienstwagen nicht schnell genug auftankten (<a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=459\"><i>idas<\/i> berichtete<\/a>). Er trat virtuell nach und ver\u00f6ffentlichte auf seiner Facebook-Seite das komplette Kennzeichen des zivilen Einsatzfahrzeugs, wegen dem er sich beim Tanken gedulden musste. Teichmanns r\u00fcde Umgangsformen sind ebenfalls nichts Neues, erst vor wenigen Wochen outete er eine mit dem Corona-Virus infizierte Frau, die in K\u00f6nigstein arbeitet. Es war ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Betroffene nicht so einheimisch ist wie er, sondern eine geb\u00fcrtige Tschechin.<\/p>\n<p>Nie ein Geheimnis war auch Teichmanns irritierende N\u00e4he zu einem bekannten NPD-Politiker, dem 2006 t\u00f6dlich verungl\u00fcckten Uwe Leichsenring. Teichmann, damals noch bei der SPD, zollte ihm seine &#8222;Hochachtung&#8220; und sinnierte schon Ende der Neunzigerjahre \u00f6ffentlich \u00fcber eine Zusammenarbeit mit der Neonazipartei, wenn sie im Kreistag Ideen aufbrachte, denen er etwas abgewinnen konnte. Er nahm schlie\u00dflich auch an Leichsenrings Beerdigung teil \u2013 genauso wie rund 300 Neonazis, viele von ihnen bekannte Gesichter der &#8222;Skinheads S\u00e4chsische Schweiz&#8220;. Leichsenring war so etwas wie ein geistiger Vater dieser Gruppe gewesen.<\/p>\n<p>Es ist genau die SSS, die jetzt in Pfaffendorf ein krawalliges Lebenszeichen von sich gegeben hat. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rten der SSS damals so einige junge M\u00e4nner aus Pfaffendorf an. Einer davon hei\u00dft Lars Ulbrich, heute ist er 39 Jahre alt. Seit einer Weile betreibt er in Pfaffendorf ein kleines Baugewerbe, rei\u00dft Industrieanlagen ab und handelt mit Metallschrott. Wer sich umsehen m\u00f6chte, kann sich schnell durchfragen und gelangt dann zu dem Grundst\u00fcck, an dem am Himmelfahrtstag &#8222;Sieg Heil&#8220;-Rufe erklangen und die Polizei attackiert wurde, dort, wo ein Neonazi-Klubhaus steht. Ulbrich war Gastgeber der Feier gewesen, er war auch unter den Festgenommenen.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Die Nachbarschaft<\/span><\/h3>\n<p>Vom Tatort aus sind es nur wenige Minuten zu Fu\u00df in die Pfaffendorfer Stra\u00dfe. Es ist dort h\u00fcbsch, auf etlichen Grundst\u00fccken werden Ferienh\u00e4uschen vermietet. Von hier kommt Lars Ulbrich, seine Adresse ist bekannt, sie wurde im Laufe der Jahre immer wieder notiert und \u00fcberpr\u00fcft, h\u00e4ufig bei Ermittlungen zu SSS-Aktionen. Weitere Mitglieder der Gruppe kommen aus derselben Stra\u00dfe, Ulbrich ist geblieben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_facebook.jpg\" alt=\"\" width=\"794\" height=\"680\" class=\"alignleft size-full wp-image-2044\" srcset=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_facebook.jpg 794w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_facebook-300x257.jpg 300w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_facebook-150x128.jpg 150w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_facebook-768x658.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 794px) 100vw, 794px\" \/><br \/>\n<small><i>Nicht nur virtuell bekannt: Ivo Teichmann und Lars Ulbrich.<\/i><\/small><\/p>\n<p>Aus Sicht der Polizei ist er ein rechtsmotivierter Intensivstraft\u00e4ter, seit seiner Jugend wurde gegen ihn mindestens zwei Dutzend mal ermittelt, unter anderem wegen Bedrohungen und Sachbesch\u00e4digungen, einem Hausfriedensbruch und mehreren Landfriedensbr\u00fcchen, au\u00dferdem in etlichen F\u00e4llen der K\u00f6rperverletzung und wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ulbrich blieb der SSS auch nach dem Verbot der Gruppe verbunden, wirklich zerschlagen wurde sie ohnehin nie. Der Gruppenkern traf sich noch jahrelang regelm\u00e4\u00dfig, aber zunehmend konspirativ. <\/p>\n<p>Die verdeckten Treffen fanden auch in der Pfaffendorfer Stra\u00dfe statt, wo Ulbrich wohnt. Von dort aus muss man nur noch ein kurzes St\u00fcck weiterlaufen, an f\u00fcnf, sechs anderen H\u00e4usern vorbei, und steht dann vor der T\u00fcr von \u2013 Ivo Teichmann. Er und Ulbrich sind beinahe Nachbarn, sie teilen sich das gleiche &#8222;Nest&#8220;, das Teichmann nicht beschmutzt sehen will. Die beiden M\u00e4nner sind auch bei Facebook miteinander befreundet. Dass der Abgeordnete regelrecht verharmlost, gar leugnet, was neulich bei Ulbrich los war, erscheint so in einem etwas anderen und gewiss keinem g\u00fcnstigeren Licht: Teichmann deckt den Neonazi von nebenan.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Der Griechenland-Konvoi<\/span><\/h3>\n<p>Auch ein anderer aktueller Fall legt nahe, dass Teichmann keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit der extremen Rechten hat. Daf\u00fcr spricht eine einschl\u00e4gige Neonazi-Chatgruppe, die Anfang M\u00e4rz beim Messengerdienst Telegram eingerichtet wurde und nur wenigen, ausgew\u00e4hlten Personen zug\u00e4nglich war. Teichmann war offenbar einer davon. Aus der inzwischen wieder gel\u00f6schten Gruppe wurden <i>idas<\/i> zahlreiche Screenshots sowie eine Kopie des kompletten Nachrichtenverlaufs zugespielt. Demnach planten Anh\u00e4nger*innen der rechten Szene aus verschiedenen Regionen Deutschlands Aktionen unter dem Motto &#8222;Auf nach Griechenland&#8220;.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit trafen auf der Insel Lesbos zahlreiche Gefl\u00fcchtete ein, dort machten Rassist*innen Front gegen sie und gegen Hilfsorganisationen. Angestachelt von rechten \u00dcbergriffen kursierten bald auch in Deutschland Aufrufe, griechische H\u00e4fen sowie die Landgrenze zur T\u00fcrkei zu &#8222;verteidigen&#8220;. In der Chatgruppe nahm man das w\u00f6rtlich und verabredete sich, &#8222;die Griechen bei der Grenzsicherung zu unterst\u00fctzen&#8220; und zu &#8222;helfen das die Fl\u00fcchtlinge nicht \u00fcber die Grenze komm&#8220;. Geplant war ein &#8222;Konvoi von mindestens 5 voll besetzten Fahrzeugen&#8220;, mit dem man nach Griechenland fahren wollte, um &#8222;jeden Protest&#8220; zu unterst\u00fctzen und einzuspringen, wo es an Polizei- und Milit\u00e4rkr\u00e4ften fehlt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_thueringerin.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"532\" class=\"alignleft size-full wp-image-2041\" srcset=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_thueringerin.jpg 800w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_thueringerin-300x200.jpg 300w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_thueringerin-150x100.jpg 150w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_thueringerin-768x511.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><br \/>\n<small><i>Wollte nach Griechenland: Chat-Organisatorin &#8222;Prinzessin T&#8220; aus Th\u00fcringen, hier an der Seite von Bj\u00f6rn H\u00f6cke.<\/i><\/small><\/p>\n<p>Die Regie f\u00fchrten zwei Personen: Eine war eine junge, AfD-nahe Aktivistin aus Th\u00fcringen (&#8222;Prinzessin T&#8220;), die ihren echten Namen nicht nennen wollte, aber Fotos von sich herumschickte, auf denen sie unter anderem mit dem Fl\u00fcgel-Anf\u00fchrer Bj\u00f6rn H\u00f6cke und dem Pegida-Chef Lutz Bachmann zu sehen ist. Ihr echter Name: Charlotte T\u00f6pfer. Der andere war der Neonazi Sven B\u00f6hme aus D\u00fcsseldorf, der im Umfeld der NPD, bei der Partei &#8222;Pro Deutschland&#8220; und zuletzt bei den &#8222;Patrioten NRW&#8220; aktiv war. Ihre Chatpartner*innen gaben sich Namen germanischer Gottheiten, schm\u00fcckten sich mit den Reichsfarben Schwarz, Wei\u00df und Rot, gr\u00fc\u00dften sich als &#8222;Kameraden&#8220;. Einer schrieb, es gehe ihm um die &#8222;Pflege der eigene Rasse&#8220;. Das wollte man in Griechenland erledigen und daf\u00fcr die direkte Konfrontation mit Gefl\u00fcchteten suchen.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Der MdL &#8222;von der AfD&#8220;<\/span><\/h3>\n<p>In der Gruppe wurde abgestimmt, wer sich der Fahrt anschlie\u00dfen m\u00f6chte, wer Geld geben k\u00f6nnte. Gefragt wurde unter anderem nach Zelten, um in Grenzn\u00e4he ein Camp aufzuschlagen. Es gab bereits einen Zielort, den man gemeinsam ansteuern wollte. Doch es fehlte an Erfahrungen und an Ausstattung. Hilfesuchend wandten sich Chatbeteiligte an rechtsradikale Youtuber, der Name Klemens Kilic fiel. Man bem\u00fchte sich um Kontakt zu bekannten Szeneaktivisten wie Eric Graziani, zu Mitgliedern der verfassungsfeindlichen Identit\u00e4ren, zu nicht n\u00e4her bezeichneten &#8222;Bikergruppen&#8220; \u2013 und schlie\u00dflich zu AfD-Verb\u00e4nden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmnann_chat.jpg\" alt=\"\" width=\"786\" height=\"581\" class=\"alignleft size-full wp-image-2042\" srcset=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmnann_chat.jpg 786w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmnann_chat-300x222.jpg 300w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmnann_chat-150x111.jpg 150w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmnann_chat-768x568.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 786px) 100vw, 786px\" \/><br \/>\n<small><i>Guten Abend aus Sachsen: &#8222;Ivo&#8220; betritt den Chat.<\/i><\/small><\/p>\n<p>Von Sven B\u00f6hme kam schon an dem Tag, an dem die Gruppe eingerichtet wurde, die Idee, &#8222;\u00fcber die AFD Sachsen Kontakt nach Griechenland zu Leuten&#8220; zu erhalten. Am fr\u00fchen Abend war es dann so weit: Ein Nutzer namens &#8222;Ivo&#8220; trat der erst einige Stunden alten Chatgruppe bei. &#8222;Guten Abend aus Sachsen&#8220;, schrieb er. &#8222;Ich w\u00fcrde als MdL gern mit vor Ort helfen.&#8220; MdL hei\u00dft Mitglied des Landtages. Einer der Nutzer wusste sofort, dass jener Ivo &#8222;von der AfD&#8220; ist. Wer das zugeh\u00f6rige Profil anklickte, um sich zu \u00fcberzeugen, bekam ein Foto zu sehen, das tats\u00e4chlich Ivo Teichmann zeigt und mit einer Handynummer verkn\u00fcpft ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_telegram.jpg\" alt=\"\" width=\"595\" height=\"723\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2043\" srcset=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_telegram.jpg 595w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_telegram-247x300.jpg 247w, https:\/\/idas.noblogs.org\/files\/2020\/06\/teichmann_telegram-123x150.jpg 123w\" sizes=\"auto, (max-width: 595px) 100vw, 595px\" \/><\/p>\n<p><small><i>Wie man ihn kennt: Teichmanns Telegram-Profil.<\/i><\/small><\/p>\n<p>Teichmans Profilangaben bei Telegram sind bis heute unver\u00e4ndert geblieben, und wer die hinterlegte Nummer anruft, erreicht den Abgeordneten pers\u00f6nlich. Sein Unterst\u00fctzungsangebot im Neonazi-Chat hatte nur eine Bedingung: &#8222;Allerdings muss dies legal und wirksam sein.&#8220; Was mit &#8222;wirksam&#8220; gemeint war, erl\u00e4uterte Teichmann nicht. Mit der Frage, was &#8222;legal&#8220; ist, ging man flexibel um: Ein User, der zu M\u00e4\u00dfigung und Gewaltverzicht riet, wurde verspottet und sofort wieder aus der Gruppe geworfen. Ein anderer schrieb, dass &#8222;illegal Einreisende jede Repressalie selbst zu verantworten&#8220; h\u00e4tten, &#8222;solange ihnen ohne Gegenwehr das Leben bleibt&#8220;. Alles geht, au\u00dfer T\u00f6ten. Niemand widersprach, auch nicht Teichmann.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Die kalten F\u00fc\u00dfe<\/span><\/h3>\n<p>Dass bald Bedenken aufkamen, lag nicht an der Aussicht auf eigene, sondern an der Furcht vor fremder Gewalt: Mehrere User schilderten die Lage in Griechenland so drastisch, dass Sorgen um die eigene Unversehrtheit in Spiel kamen. Als dann noch Fotos die Runde machten, die blutende deutsche Neonazis in Griechenland zeigen, nahm man an, dass die Antifa schon vor Ort warten w\u00fcrde. Teichmann postete schlie\u00dflich eine abfotografierte Teletext-Seite, der zufolge sich deutsche Sicherheitsbeh\u00f6rden pl\u00f6tzlich f\u00fcr &#8222;rechtsextreme Inhalte&#8220; bei Telegram interessieren \u2013 f\u00fcr Chats wie diesen.<\/p>\n<p>In der Gruppe bekam man kalte F\u00fc\u00dfe. Die ersehnte Abreise nach Griechenland verz\u00f6gerte sich Tag um Tag. So lange, bis die Pandemiezeit anbrach und alle Pl\u00e4ne zunichte machte. Ob Teichmann bis dahin sein Angebot umgesetzt hat, &#8222;wirksam&#8220; zu helfen, ist unklar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Himmelfahrtstag haben Neonazis in der S\u00e4chsischen Schweiz die Polizei angegriffen. Der AfD-Politiker Ivo Teichmann behauptet, dass alles ganz anders war, und nimmt die mutma\u00dflichen T\u00e4ter in Schutz. 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