{"id":1556,"date":"2020-05-04T19:54:27","date_gmt":"2020-05-04T17:54:27","guid":{"rendered":"http:\/\/idas.noblogs.org\/?p=1556"},"modified":"2020-05-04T19:54:55","modified_gmt":"2020-05-04T17:54:55","slug":"wettrennen-der-covidioten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=1556","title":{"rendered":"Wettrennen der Covidioten"},"content":{"rendered":"<p>Stra\u00dfenproteste, Querdenkerbommeln und jetzt eine neue Partei: In der Pandemie kommt das rechte Spektrum in Bewegung. Die AfD versucht auch in Sachsen, an der Spitze zu stehen. Ausgerechnet einige Abtr\u00fcnnige wollen schneller sein. Sie haben sich der verschw\u00f6rungsideologischen Initiative &#8222;Widerstand2020&#8220; angeschlossen, die enormen Zulauf verzeichnet.<!--more--><\/p>\n<p align=\"center\"><span style=\"color: #1e73be\">\u2193<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Rabiate Impulse<\/span><\/h3>\n<p>Die Proteste gegen die Eind\u00e4mmung der Corona-Pandemie gewinnen auch in Sachsen an Fahrt. Mal mehr, mal weniger dabei: die AfD. Am vergangenen Sonnabend hielt erneut die verfassungsfeindliche Lokalpartei &#8222;Pro Chemnitz&#8220; eine Kundgebung ab. Als Redner trat dabei Matthias Henke auf, der f\u00fcr die AfD in den Stadtrat von L\u00f6\u00dfnitz (Erzgebirgskreis) eingezogen ist. Henke hatte bereits zu einer <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=1232\">\u00e4hnlichen Versammlung am 20. April<\/a> aufgerufen, bei der es zu Ausschreitungen kam. Namhafte Vertreter*innen der AfD <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=1304\">waren vor Ort<\/a>, Henke selbst wurde durch die Polizei abgef\u00fchrt. Seine dadurch verhinderte Ansprache konnte er nun nachholen. Er berichtete darin von seinen Erlebnissen am Maifeiertag in Aue, wo \u2013 seiner Erinnerung zufolge \u2013 die Polzei \u00fcber die Strenge geschlagen habe.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatten die Einsatzkr\u00e4fte gro\u00dfe M\u00fche, den Versammlungsbereich in der Erzgebirgssstadt abzusichern: Zahlreiche Neonazis waren vor Ort und versuchten teils gewaltsam, sich Zugang zu einer NPD-Kundgebung zu erzwingen. Der rechte Tumult verhinderte einen Rednerauftritt von Lars Bochmann. Er geh\u00f6rt nicht zur NPD, sondern ist Vorsitzender der AfD-Fraktion im Stadtrat von Aue-Bad Schlema. In einigen anderen Orten kam die AfD am gleichen Tag problemlos zum Zug, denn in einer konzertierten Aktion f\u00fchrte sie erstmals <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=1507\">eigene Kundgebungen<\/a> durch und forderte dabei das Ende der Pandemie-Eind\u00e4mmung.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/pir0305?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#pir0305<\/a> schubsen die einen Polizisten, die anderen skandieren \u201eKeine Gewalt\u201c <\/p>\n<p>Quelle: Privat <a href=\"https:\/\/t.co\/xwuK63G1qQ\">pic.twitter.com\/xwuK63G1qQ<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Eric Hofmann (@RPFDMOPO) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/RPFDMOPO\/status\/1256988880336752650?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 3, 2020<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>Schon vorher wurden aus den Reihen der AfD rabiate Impulse f\u00fcr ein Vorgehen auf der Stra\u00dfe gegeben. So ist aus einer <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=1352\">unangemeldeten Versammlung in Pirna<\/a> (Landkreis S\u00e4chsische Schweiz-Osterzgebirge), die der AfD-Kommunalpolitiker und Polizeibeamte Steffen Janich organisiert hatte, eine Protestserie geworden, die schnell an Radikalit\u00e4t gewinnt. Bei einem unerlaubten &#8222;Spaziergang f\u00fcr Grundrechte&#8220; am gestrigen Sonntag wurden in Pirna Polizist*innen angegriffen und verletzt. Die AfD gibt ihren Namen daf\u00fcr nicht mehr her. Aber sie war offenbar vor Ort, das legen Videoaufnahmen nahe, die auf einem parteinahen Youtube-Kanal zu sehen sind. Offiziell will die AfD erst am kommenden Wochenende wieder demonstrieren. F\u00fcr die Zwischenzeit kursieren in sozialen Netzwerken Aufrufe f\u00fcr weitere, offenbar unangemeldete Versammlungen. Sie sind teils im AfD-Look gehalten, aber ohne Parteilogo.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Pandemie-Populismus<\/span><\/h3>\n<p>Es ist schlicht ein Wettrennen darum entbrannt, wer sich an die Spitze der neuen, noch recht unstrukturierten Bewegung setzt, die erhebliches Mobilisierungspotential und gro\u00dfe Medienaufmerksamkeit verspricht. Das zeigte sich am vergangenen Sonnabend bei einer Kundgebung in Stuttgart, bei der mehr als 4.000 Menschen zusammenkamen, viele ohne Mundschutz und Abstand. Es war die bisher gr\u00f6\u00dfte Versammlung ihrer Art, eine Gro\u00dfveranstaltung inmitten der Pandemie, die inhaltlich schwer zu verorten ist. Vielerorts zeigt sich gerade eine obskure Allianz aus hartem Verschw\u00f6rungsdenken, esoterischen Weltdeutungen und verantwortungslosem Egoismus.<\/p>\n<p>In Stuttgart stand ein Jurist und Unternehmer aus Leipzig auf der B\u00fchne, den bis dahin kaum jemand kannte: Ralf Ludwig, 47 Jahre alt, zitierte Gandhi und beschwerte sich ausf\u00fchrlich, dass er derzeit nicht nach Mallorca fliegen und dort seine Tochter treffen darf. Ein &#8222;Impfkritiker&#8220;, das versicherte er beil\u00e4ufig, sei er nicht. Aber er glaubt trotzdem, dass die Bundesregierung alle B\u00fcrger*innen zu Versuchskaninchen machen will. Daf\u00fcr erhielt er langen, anhalten Applaus \u2013 und den Respekt der heimischen AfD. &#8222;Wenn die AfD nur halbwegs ambitioniert w\u00e4re, w\u00fcrden in Sachsen doppelt so viele Menschen auf der Stra\u00dfe stehen&#8220;, kommentiert Steffen Janich ein Video der Stuttgarter Rede. Ralf Ludwig hat mit der AfD nichts zu tun, sondern gr\u00fcndete k\u00fcrzlich eine eigene Partei, deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer er jetzt ist: &#8222;Widerstand2020&#8220; nennt sich die Gruppe, eine &#8222;Mitmachpartei&#8220;, die vor zwei Wochen aus der Taufe gehoben wurde und der es eher als der AfD gelingen k\u00f6nnte, dem zersplitterten Protest ein Dach zu geben.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr sprechen die nackten Zahlen. Glaubt man den Eigenangaben, dann haben sich \u00fcber die Parteiwebsite bereits mehr als 100.000 Mitglieder eingeschrieben. Allerdings ohne zu wissen, wof\u00fcr: &#8222;Widerstand2020&#8220; hat kein Programm. Man wirbt dort f\u00fcr &#8222;wahrhaftige Demokratie&#8220; und &#8222;Neuerungen unseres Grundgesetzes&#8220;, an einer Stelle wird eine &#8222;v\u00f6llig neue Gesamtstruktur&#8220; versprochen, was immer das hei\u00dfen soll, konkreter wird es nicht. Den Widerstand, den man im Namen tr\u00e4gt, m\u00f6chte man leisten &#8222;gegen den politischen Umgang, den wir gerade erleben, gegen das Au\u00dferkraftsetzen unserer Grundgesetze und gegen die Machtausnutzung unserer Regierung\u201c. Mit maximaler Pauschalit\u00e4t macht die neue Partei Politik, die ihr zufolge doch nur &#8222;der Kampf der Lobbyisten um die Fleischt\u00f6pfe in Berlin&#8220; sei. Man spricht die klassische Sprache des Populismus.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Krude Positionen<\/span><\/h3>\n<p>An der Spitze von &#8222;Widerstand2020&#8220; und der Seite von Ralf Ludwig steht Victoria Hamm, eine Psychologiestudentin und Unternehmerin aus der N\u00e4he von Hannover, die jetzt Parteichefin ist und offenbar zum Gesicht der Bewegung avanciert. Noch etwas bekannter ist der Dritte im Bunde, Hamms Stellvertreter Dr. Bodo Schiffmann. Er ist ein baden-w\u00fcrttembergischer Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der einen Youtube-Kanal betreibt und vor seinen rund 127.000 Abonnent*innen ganz eigene Theorien \u00fcber die Pandemie ausbreitet. Er ist einer von derzeit allzu vielen und allzu erfolgreichen Scharlatanen, die den Coronavirus zum eigenen Vorteil verharmlosen, Versuche der Eind\u00e4mmung unterminieren und die komplexe Wirklichkeit in ein simples Verschw\u00f6rungsszenario verwandeln. Sein nachhaltiger Beitrag zu der Bewegung, die jetzt auf die Stra\u00dfe tritt, ist die Erfindung der &#8222;Querdenkerbommel&#8220;, quasi ein Aluhut f\u00fcrs Schl\u00fcsselband.<\/p>\n<p>Wer sich n\u00e4her erkundigt, st\u00f6\u00dft auf einige Ungereimtheiten in der Geschichte, die &#8222;Widerstand2020&#8220; von sich selbst erz\u00e4hlt. Schiffmann etwa ist erst nachtr\u00e4glich als angeblicher Mitgr\u00fcnder auf der Parteiwebsite eingetragen worden. Urspr\u00fcnglich waren dort der Name und das Bild einer Frau zu sehen, die im Internet mal als Wirtschaftsjuristin, mal als Wirtschaftspsychologin, mal als Gesundheitscoach firmiert und inzwischen gar nicht mehr erw\u00e4hnt wird. Zun\u00e4chst gab es auf der Website einige Links zu anderen Onlineangeboten, etwa zu Ken Jebsens &#8222;KenFM&#8220; und zu einer Reichsb\u00fcrger-Plattform namens &#8222;Freiheit f\u00fcr Deutschland&#8220;. Ebenfalls entfernt wurde ein Beitrag auf der Website, der sich positiv auf die extrem rechte &#8222;QAnon&#8220;-Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung bezogen hat.<\/p>\n<p>Immer noch nachzulesen ist dagegen Ralf Ludwigs antiparlamentarische Idee, eine &#8222;Anzahl von m\u00fcndigen B\u00fcrgern\/Innen&#8220; zu berufen, die &#8222;in einer Notstandssituation anstelle der zu dieser Zeit im Parlament sitzenden Abgeordneten&#8220; Entscheidungen treffen sollen. Offenbar m\u00f6chte &#8222;Widerstand2020&#8220; nicht blo\u00df vermeintlich bedrohte Grundrechte einklagen, sondern die ganze Legislative entmachten. In einem anderen Text stellt Victoria Hamm die wohlstandschauvinistische Frage, &#8222;warum wir nicht mehr f\u00fcr die wirklich wichtigen und inl\u00e4ndischen Probleme tun, anstatt anderen L\u00e4ndern, die selbst unglaublich schlecht gewirtschaftet haben, zu helfen.&#8220; Man wei\u00df nicht, wem genau &#8222;Widerstand2020&#8220; helfen wird. Bei Facebook verspricht Hamm jedenfalls, man k\u00e4mpfe gegen Bill Gates \u201eund seine Vorhaben\u201c. Den derzeit kursierenden Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen zufolge ist der Microsoft-Gr\u00fcnder ein Urheber der Pandemie, der jetzt die ganze Welt zwangsimpfen will. Auch in Teilen der s\u00e4chsischen AfD <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=1473\">glaubt man das<\/a>.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Landesverb\u00e4nde geplant<\/span><\/h3>\n<p>Wer sich die Satzung der neuen Partei n\u00e4her anschaut, f\u00fchlt sich stellenweise erinnert an die Piraten, und tats\u00e4chlich wurde genau dort gro\u00dffl\u00e4chig abgeschrieben. Wer \u00fcber die zahlreichen Versprechungen stolpert, &#8222;absolut trandsparent&#8220; zu sein, wird sich fragen, warum die neue Partei von drei Personen gegr\u00fcndet wurde, unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit und unter Umst\u00e4nden, die nicht einmal gen\u00fcgen w\u00fcrden, um einen eingetragenen Verein zu schaffen. Fraglich ist auch, wie sich das ganze Projekt finanzieren soll: &#8222;Widerstand2020 nimmt nur anonyme Spenden an&#8220;, steht in Satzung, in einer f\u00fcr Parteien g\u00e4nzlich ungew\u00f6hnlichen Formulierung. Die Namen von Gro\u00dfspender*innen sind n\u00e4mlich ver\u00f6ffentlichungspflichtig.<\/p>\n<p>Wer sich derzeit als Mitglied einschreibt, ist erst einmal kostenlos dabei. Das und die Tatsache, dass die eingegebenen Daten nicht \u00fcberpr\u00fcft werden, erkl\u00e4rt wom\u00f6glich den starken Zustrom. Etwas versteckt hei\u00dft es, dass die Mitglieder ab Juni einen Beitrag zahlen m\u00fcssen. Viele von ihnen werden das noch nicht wissen und auch nicht den Abschnitt in der Satzung kennen, der sie fortan verpflichtet, &#8222;sich an der politischen und organisatorischen Arbeit von Widerstand2020 zu beteiligen&#8220;. Dagegen erwachsen aus der Mitgliedschaft derzeit kaum Rechte. Denn die Partei, die sich als &#8222;wirklich innovativ&#8220; bezeichnet, ist nach dem Top-Down-Prinzip aufgebaut, hat au\u00dfer ihrem dreik\u00f6pfigen Bundesvorstand nichts vorzuweisen, es gibt weder Beteiligungsstrukturen, noch Kontrollinstanzen. Die Gesch\u00e4ftsstelle ist ein Briefkasten in Hannover, an einer Anschrift, an der \u2013 Zufall oder nicht \u2014 auch der Briefkasten der nieders\u00e4chsischen AfD h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chster Schritt ist die Er\u00f6ffnung eines Onlineshops angek\u00fcndigt, die derzeit naheliegendste M\u00f6glichkeit, den gro\u00dfen Andrang der Interessent*innen umzum\u00fcnzen. Eine ganze Bekleidungskollektion ist in Vorbereitung, ein Vorhaben, das offenbar Priorit\u00e4t hat. Erst sp\u00e4ter, so hei\u00dft es auf der Website, werde man &#8222;in die verschiedenen Bundesl\u00e4nder reisen und uns mit allen, die sich eingetragen haben, sowie allen anderen Mitgliedern, die k\u00f6nnen und wollen, treffen.&#8220; Ziel sei die Schaffung von Landesverb\u00e4nden. Wer allerdings sucht, findet bereits jetzt einige Initiativen, die sich als Landesverb\u00e4nde von &#8222;Widestand2020&#8220; ausgeben. Auch in Sachsen.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Bekannte Initiatoren aus Sachsen<\/span><\/h3>\n<p>Die Spurensuche f\u00e4llt nicht schwer. Am vergangenen Donnerstag wurde das \u201eWiderstand2020-Mitglieder\/Freunde Forum\u201c eingerichtet, eine Facebook-Gruppe mit derzeit rund 250 Mitgliedern. Hier sammelt sich eine einschl\u00e4gige Klientel, aktuelle und fr\u00fchere AfD-Politiker*innen sind dabei, dazu Funktion\u00e4re der NPD, der &#8222;Pro Chemnitz&#8220;-Chef Martin Kohlmann pers\u00f6nlich und die Pegida-Mitgr\u00fcnderin Kathrin Oertel. \u201eHier k\u00f6nnen sich alle melden, die gerne einen Landesverband in Sachsen aufbauen wollen. Wir melden das dann an die Partei weiter!\u201c, hei\u00dft es zum Zweck der Gruppe. Hinter ihr stehen drei Personen: Arvid Samtleben, Dirk J\u00e4hrling und Engelbert Merz. Inzwischen haben sie auch eine Website freigeschaltet, die sich ausdr\u00fccklich als \u201eLandesverband Sachsen\u201c von &#8222;Widerstand2020&#8220; bezeichnet. Sie enth\u00e4lt nicht viel, au\u00dfer \u2013 man ahnt es schon \u2013 einen Spendenbutton.<\/p>\n<p>Das sei &#8222;noch keine offizielle Webseite&#8220; der Partei, wurde k\u00fcrzlich erg\u00e4nzt, so als st\u00fcnde die Anerkennung kurz bevor. Das Impressum f\u00fchrt auch nicht zur Partei, sondern zu einer Adresse in Arnsdorf im Landkreis Bautzen. Dort wohnt Arvid Samtleben. Gemeinsam mit J\u00e4hrling und Merz hat er bereits ein m\u00f6gliches Parteiprogramm ausgearbeitet, insgesamt 44 Punkte auf 16 Seiten, die mit der Pandemie nicht das Geringste zu tun haben. Stattdessen wird dort ernstlich f\u00fcr einen &#8222;S\u00e4xit&#8220; und die Reaktivierung des &#8222;s\u00e4chsischen K\u00f6nigshauses&#8220; geworben, man will mehr Abschiebungen und weniger Einwanderung, man mag keine &#8222;\u00f6ffentliche zur Schaustellung von Sexualit\u00e4t&#8220; und vor allem keinen Christopher-Street-Day mehr sehen. Arbeitslosen- und Rentenversicherung sollen abgeschafft werden. Im Kontext von Corona mag es zudem \u00fcberraschen, dass die gesetzliche Krankenkasse ebenfalls entfallen soll.<\/p>\n<p>Das klingt alles derb daneben und ist es auch. Verr\u00e4terisch: An mehreren Stellen des Programmentwurfs ist statt &#8222;Widerstand2020&#8220; pl\u00f6tzlich von einer &#8222;B\u00fcrgerinitiative Sachsen&#8220; die Rede. Die gibt es wirklich, bereits seit Anfang 2019 und besetzt mit namhaften Protagonisten. Der Vorsitzende hei\u00dft Dirk J\u00e4hrling, der Schatzmeister ist Arvid Samtleben, der Schriftf\u00fchrer Engelbert Merz. Auf einer Grafik erweckt die B\u00fcrgerinitiative derzeit den Eindruck, es bestehe eine Zusammenarbeit mit der Partei &#8222;Widerstand2020&#8220;. Urspr\u00fcnglich war es der s\u00e4chsischen Gruppe um etwas ganz anderes gegangen: Sie bot sich als eine Art Dachvereinigung f\u00fcr \u201eB\u00fcrgerinitiativen und B\u00fcrgerrechtler in Sachsen\u201c an, f\u00fcr Leute aus dem Anti-Asyl-Spektrum, f\u00fcr die Veteranen der gro\u00dfen rassistischen Welle, mit denen man im vergangenen Jahr gemeinsam in den Landtag einziehen wollte. Daraus wurde nichts, den Wahlvorschlag zog man nach eigenen Angaben freiwillig zur\u00fcck. In Wirklichkeit wurde die B\u00fcrgerinitiative nicht als Partei anerkannt. Doch nicht alles war umsonst, das damalige Programm hat man jetzt recyclet, um es \u201eWiderstand2020\u201c unterzuschieben. <\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">Quer durchs rechte Spektrum<\/span><\/h3>\n<p>Die B\u00fcrgerinitiative hat angeblich mehr als 100 Mitglieder, tats\u00e4chlich ist sie ein ziemlich bedeutungsloser Papiertiger. Ihrer Gr\u00fcndung unmittelbar vorangegangen war im Sommer 2018 der schon nach kurzer Zeit gescheiterte Versuch, einen Landesverband der &#8222;Republikaner&#8220; aufzubauen. J\u00e4hrling wurde damals Vorsitzender, Samtleben Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der totgesagten Rechtsau\u00dfen-Partei. Zur Unterst\u00fctzung hatte man unter anderem den Leipziger Neonazi Alexander Kurth an Bord geholt, der vorher bei der NPD und &#8222;Die Rechte&#8220; aktiv war und danach bei <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=85\">Andr\u00e9 Poggenburgs &#8222;Aufbruch deutscher Patrioten&#8220;<\/a>, einer nationalsozialistischen Abspaltung aus der AfD.<\/p>\n<p>Wie es scheint, ist ein s\u00e4chsischer Landesverband f\u00fcr den &#8222;Widerstand2020&#8220; nur der neueste Versuch unter vielen anderen Anl\u00e4ufen, an Bedeutung zu gewinnen. Das zeigen die politischen Biografien des Trios Engelbert Merz, Arvid Samtleben und Dirk J\u00e4hrling. Merz wurde vor einigen Jahren als regelm\u00e4\u00dfiger Pegida-Teilnehmer bekannt, der dort und bei Ablegern des rassistischen Protestb\u00fcndnisses Reden geschwungen hat. Als selbsternannter &#8222;Pegida-Kandidat&#8220; versuchte er 2015 Oberb\u00fcrgermeister in Bautzen zu werden, in einer Stadt, in der er nicht wohnt. Er schaffte es nicht einmal auf den Wahlzettel: Als unabh\u00e4ngiger Kandidat h\u00e4tte er 100 Unterst\u00fctzungsunterschriften vorlegen m\u00fcssen, um an der Abstimmung teilnehmen zu d\u00fcrfen. Er brachte es nur auf 15.<\/p>\n<p>Ein gescheiterter Politiker ist auch Samtleben. Er war vor einigen Jahren einer der umtriebigsten K\u00f6pfe der jungen s\u00e4chsischen AfD, leitete anfangs den Kreisverband Bautzen und stieg in den Landesvorstand auf, wo man vielleicht gehofft hatte, dass er sein Privatverm\u00f6gen in die Partei stecken w\u00fcrde. Doch im eigenen Kreisverband hat man ihn bald wieder abgew\u00e4hlt, er galt als unzuverl\u00e4ssiger Querulant. Seine Parteifreund*innen an der Landesspitze warfen ihm &#8222;illoyales Verhalten&#8220; vor, daraufhin trat er zur\u00fcck. Sein Listenplatz f\u00fcr die Landtagswahl 2014 wurde <a href=\"https:\/\/idas.noblogs.org\/?p=716\">unter dubiosen Umst\u00e4nden gestrichen<\/a>, was einen langwierigen Rechtsstreit nach sich zog. Im April 2018 verlie\u00df er die AfD endg\u00fcltig.<\/p>\n<h3><span style=\"color: #1e73be\">J\u00e4hrling war AfD-Mitarbeiter<\/span><\/h3>\n<p>Auch J\u00e4hrling blickt auf eine misslungene AfD-Karriere zur\u00fcck. Nachdem die AfD erstmals in den s\u00e4chsischen Landtag eingezogen war, wurde er Mitarbeiter des Abgeordneten Andr\u00e9 Barth und leitete dessen Freitaler AfD-B\u00fcro. Die Zusammenarbeit endete im Juni 2016 \u2013 laut Barth, weil man &#8222;menschlich nicht zusammengepasst hat&#8220;. J\u00e4hrling erkl\u00e4rte, inhaltlich gebe es &#8222;keinerlei Differenzen zwischen mir und Andr\u00e9 Barth&#8220;. Doch tats\u00e4chlich war J\u00e4hrlings Rolle als einer der zeitweise ma\u00dfgeblichen Organisator*innen rassistischer Proteste zu einer Belastung f\u00fcr die Partei geworden. Im Fr\u00fchjahr 2015 hatte er die Demonstrationsserie &#8222;Freital wehrt sich&#8220; mitinitiiert und zu Versammlungen getrommelt, die rasch eskaliert sind. Durchbruchsversuche zu einer Asylunterkunft, Angriffe auf Polizeikr\u00e4fte: Die Bilder gingen durch die Republik.<\/p>\n<p>In der Ordnergruppe seiner Versammlungen und unter den G\u00e4sten seiner &#8222;Timba Bar&#8220;, einem stadtbekannten Neonazi-Treffpunkt, sammelten sich Mitglieder der ber\u00fcchtigten &#8222;Gruppe Freital&#8220;. J\u00e4hrling verharmloste die sp\u00e4ter verurteilten Rechtsterroristen als &#8222;Lausbuben&#8220;. Der AfD blieb er noch eine Weile treu, wenn auch nicht mehr so sichtbar: Im Herbst 2016 entstand in Freital eine AfD-Ortsgruppe, geleitet vom Fl\u00fcgel-Mann Norbert Meyer, der heute im Landtag sitzt und damals die &#8222;Gruppe Freital&#8220; ebenfalls verharmlost hat, &#8222;hochgespielt&#8220; nannte er sie. J\u00e4hrling wurde Beisitzer dieser Ortsgruppe. Sie traf sich im B\u00fcro von Andr\u00e9 Barth, genau dort, wo J\u00e4hrling offiziell nicht mehr arbeitete. Die Partei verlie\u00df er dann fast zeitgleich mit Samtleben. Kurz vorher war er mit einer Kandidatur f\u00fcr den AfD-Landesvorstand gescheitert.<\/p>\n<p>Den &#8222;Widerstand2020&#8220; bezeichnet J\u00e4hrling jetzt als eine &#8222;Alternative zur AfD&#8220;. Wom\u00f6glich meint er das im Hinblick auf die eigene Karriere, wom\u00f6glich denkt er auch an neue Gelegenheiten, auf die Stra\u00dfe zu dr\u00e4ngen und mitzumischen in einer Zeit, in der es wieder turbulent werden k\u00f6nnte. Aktuell ruft J\u00e4hrling auf seinem privaten Facebook-Profl zu einem &#8222;Spaziergang&#8220; in Freital auf und erinnert dabei an Pirna, an den Protest, den die AfD angezettelt hat und der nicht friedlich blieb. In dem Vorschlag, den J\u00e4hrling, Samtleben und Merz f\u00fcr ein Parteiprogramm gemacht haben, wird \u00fcbrigens auch angesprochen, wie man mit illegalen Demonstrationen umgehen sollte: &#8222;Wasserwerfer, Schlagst\u00f6cke, Tr\u00e4nengas&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stra\u00dfenproteste, Querdenkerbommeln und jetzt eine neue Partei: In der Pandemie kommt das rechte Spektrum in Bewegung. Die AfD versucht auch in Sachsen, an der Spitze zu stehen. Ausgerechnet einige Abtr\u00fcnnige wollen schneller sein. 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